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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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nicht alles für einen alten Kommilitonen. Also, unbesorgt, bis zur nächsten Hochzeit ist das Gonorthöechen längst ausgeheilt. Heil Hitlerlv

Wie oft ist mir spãter diese Szene wieder in Frinnerung gekommen! Wie oft mußte ich daran denken, daß der Heilgehilfe damals, freilich ohne es zu ahnen, den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Ja, wir waren aus Gemeinem ge- macht, und die Gewohnheit ließ uns noch gemeiner werden.

Ich war nur mit mir beschäftigt, wãhrend ich am nãch- sten Vormittag, nach der Untersuchung auf dem Bataillons- revier, durch die Straßen der Inneren Stadt zu unserem Quartier zurückschlenderte vorbei an Anschlägen mit langen Namensreihen erschossener Geiseln; vorbei an Laut- sprechern, die eine letzte Aufforderung an die Prager Be- võlkerung richteten, das immer noch in Freiheit pefind- liche Attentãterpaar den deutschen Behörden auszuliefern, oder Maßnahmen von ãußerster Hãrte zu gewärtigen.

Ich war nur mit mir beschäftigt, während ich so dahin- ging. Ich fühlte mich befreit und froh, weil die Untersu- chung so schnell und glatt vorübergegangen war.(Eine Kinderkrankheitv, hatte der Arzt gescherzt. aSie sind ein Kollege von Heilgehilfe Kretschmann? Kennen Sie sei- nen Vater auch, den Oberstabsarzt? Na, ich glaube, wir werden Sie in lãngstens zwei Wochen gesund schreiben kõnnen.*) Und ich war erfüllt von dem angenchmen Be- wußtsein, dienstfrei zu haben, während die Kompanie wieder einmal in feldmãßiger Ausrũstung an einer Groß- fahndung teilnehmen mußte.

Ich dachte nur an mich. An das, was mit der Stadt und ihren Menschen geschah, dachte ich nicht. Sie werden sich an das Ungewohnte gewöhnt haben, sagte ich mir. Aber es war nicht so. Nur ich selbst war der Gewöhnung ver- fallen, war stumpf und taub gegen alles geworden, was mich nicht selbst anging.

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