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Der Tisch im Speisezimmer war festlich gedeckt. Mutter hatte es sich nicht nehmen lassen, die nur bei seltenen Ge- legenheiten benutzten echten Silberbestecke und das Meiß- ner Porzellan mit dem Zwiebelmuster aufzulegen, ja sie hatte sogar eines ihrer schweren Hochzeit-Damasttücher aus dem Schrank geholt.
Es ist zwar ein Jammer, daß wir nachher den schönen Damast mit dieser schrecklichen Ersat?seife waschen müs- senv, meinte sie, caber dafür kommt einem in diesen Zeiten auch nicht alle Tage ein Sohn heil vom Militär auf Urlaub nach Hause. v
Onkel Helmut klopfte bei dieser Bemerkung mit dem Korkenzicher auf den Tisch, beschränkte sich aber im üb- rigen darauf, mir einen beredten Blick zuzuwerfen, der etwa hieß: Du siehst, wie recht ich hatte!
Das Essen wurde von Effi und von Resi, der unwerheira- teten Schwester von Onkel Helmuts verstorbener Frau, aufgetragen.
Resi begrüßte mich nicht allzu freundlich, was mir je- doch ganz in Ordnung erschien. Schroffheit und galliges Temperament gehörten nun einmal zu Resi. Nicht um- sonst führte sie in der Familie den Spitznamen, das Reib- eisen“. Sie war ewig unzufrieden, drohte allwöchentlich mindestens einmal, dieses Haus, wo man nichts als Krger und Fron hat', für immer zu verlassen, und beschuldigte jeden von uns abwechselnd der erbschleicherischen Zu- dringlichkeit und des absoluten Mangels an verwandt- schaftlichem Interesse.
In früheren Jahren war die Tücke der Dienstboten Resis Lieblingsthema bei Tische gewesen. Wenn man ihr zu- hörte, kam man unweigerlich zu dem Schluß, daß das jewei- lige Mãdchen für alles nur deshalb im Hause war, um Resis
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