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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
Entstehung
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geflickt; der Lackanstrich von Bänken und Wänden an vielen Stellen abgeblãttert; die Gepãcknetze in Fetzen; der Fußboden schwarz von Schmutz.

Auch die Passagiere sahen heruntergekommen aus. Finer von ihnen benutzte seinen Wettermantel als Vor- hang, hinter dem er sich versteckte; nur seine dũnnen, un- ablãssig zitternden Beine schauten unter dem ausgefransten Mantelrand hervor, und ein Stock, mit dem er im Takt des Zitterns auf den Boden klopfte. Die andern saßen eng zu- sammengepfercht da, und doch jeder nur für sich, stumpf und unfroh, mit seltsam ähnlichem duckmäuserischem Zug in den Gesichtern. Fast alle hatten Pickel oder Aus- schläge, und der fad säuerliche Geruch von ungebadeten Kõrpern und schmutziger Wãsche stand schwer im Raum wie ein unsichtbarer Nebel.

Zwei Frauen in Kleidern aus grünem Stoff, der mich an das Tuch von Billardtischen erinnerte, waren die ein- zigen, die ein lautes Gespräch führten. Die Jüngere, eine blasse, aufgedunsene Person, an der nur die großen Augen anzichend erschienen, erzählte der andern(die offenbar ihre Mutter war) von einer endlosen Jagd nach zusätz- lichen Kleiderkarten. Sie sprach den harten Dialekt meiner engeren Heimat. Ihre Mutter hörte, mit der Hand hinterm Ohr, angestrengt zu und fuhr von Zeit zu Zcit in einem unkontrollierten schrillen Falsett dazwischen: Wie war das d. Wasd. Werd»

Die Junge beendete ihre Geschichte:«Und zu guter Letzt haben sie mir auf dem Oberlandratsamt auch noch mit dem Gericht gedroht. Jawohl, ich soll mich fort- scheren, oder sie erstatten Anzeige gegen mich wegen Be- lästigung der Behörde.v

Wie dv krächzte die Alte. Was für eine Bestätigung gibt dir die Behörde d»

Gar keine. vDie Tochter unterstrich jedes ihrer Worte mit einer heftigen Gebãrde. Nichts kriegen wir. Nichts. Nichts.v

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