mute wurde,— wieder einmal unheimlich vor den zwei Scelen in der deutschen Brust; vor dieser vertrakten Ver- bindung von Stumpfheit und Gemũt, von goldenem Her- zen und Wolfsrachen. Und zugleich erwachte in mir die Erkenntnis(nein, damals war es noch keine Erkenntnis, Sondern eine bloße Ahnung), daß mein eigenes Verhalten, mein Schweigen und Geschehenlassen trotz Besserwissen im Grunde nur eine andere Spielart der gleichen Zwitter- haftigkeit war, vor der mir bei Scelke graulte.
Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, aber es gelang mir wohl nicht. Seelke unterbrach sich und sagte (war es entschuldigend oder vorwurfsvoll, oder peides zugleich ²): Ja, jetzt denkst du wahrscheinlich, der Seelke ist ein falscher Fuffziger, weil er doch diese kleine dicke Sächsin mit den Kaninchen hat... und die hat er auch, aber das gehört auf eine andere Seite. Schließlich ist man nicht aus Stein, das ist es ja eben, man möchte natürlich seine Alte bei sich haben und das Lindchen und die ganze Familie, und weil das nicht geht... Aber was verstehst du von solchen Sachen?» Er kratzte sich sorgenvoll in seinem Igelhaar.
VWir schwiegen, schauten aneinander vorbei. Dann kam Chabrun in die Stube gelaufen. Ein außerordentlicher Ap- pell war angesagt.
Wir hatten in Marschausrüstung anzutreten und wur- den nach einem entlegenen Stadtbezirk geschickt, wo wir bis tief in die Nacht tschechische Arbeitskommandos beaufsichtigten, die Flaggenpfosten und Triumphpforten für einen überraschend angesetzten Besuch des Reichs- marschalls aufzurichten hatten. Gerade als wir in die Quar- tiere abrücken sollten, kam Gegenorder. Der Besuch war abgeblasen worden; die Empfangsvorbereitungen seien bis zum Tagesanbruch unsichtbar zu machen. Die Arbeits- kommandos waren schon auf dem Heimweg; nur wenige
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