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Himmelfahrts-Kommando : Roman / F. C. Weiskopf
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aber auch, weil ich mit dem dienstfreien Abend ohnehin nichts anzufangen wußte; und schließlich aus Neugierde, gelockt von dem Wunsch, die sogenannte deutsche Seele zu entrãtseln. Die deutsche Seele, die mir manchmal wie ein Dschungel vorkam, wie ein unentwirrbares Dickicht wi- derstreitender Regungen, worin reißende Leidenschaften herumstrichen und romantische Phantastereien neben plat- ten Trãumen vom kleinen Glück blühten. Die deutsche Seele, die Seelke dazu trieb, Söckchen für seine Enkelin zu stricken und einen halb verdorrten Fuchsienstock mit un- endlicher Mühe gesundzupflegen aber auch freiwillig an Himmeffahrtskommandos teilzunehmen. Die deutsche Seele, die Dietz im Bordell plõtzlich alles, auch seine eigene Schnoddrigkeit, vergessen und sich am dunklen Pathos von Nietzscheworten berauschen ließ.

Und ich sage dir, Hollerꝰ schwärmte er, ces gibt keinen andern Dichterpropheten neben Nietzsche . Hat er nicht eine Mera der hãrtesten, aber notwendigsten Kriege in Aus- sicht gestellt? Hat er nicht gepredigt, daß es kein Mittel gibt, wodurch matt werdenden Völkern jene Mörderkalt- blütigkeit, jene stolze Gleichgültigkeit gegen Verluste und jenes erdbebenhafte Erschüttern des Herzens so stark mit- geteilt werden kann, wie es ein großer Krieg tut? Ah, mein Lieber, was für ein Feuergeist! Ich könnte dir noch eine halbe Stunde lang zitieren.Das Erlaubte und Unerlaubte nicht mit der Krämerwaage wiegen; befehlen können und wieder auf stolze Art gehorchen... ist das nicht die Spra- che der Verkündung? Freilich, auf Nietzsche , das Genie der Wertung, mußte erst das Genie der Gestaltung folgen, der Tãter und Fũhrer... Donnerwetter, jetzt habe ich mich aber verquasselt! Wo ist nur die Braut hin? He, Rosa? Rosa! Hopp, hopp aufs Zimmer!

Die Straßen, durch die wir spãter in der Nacht zu unse- rem Quartier zurũckwanderten, waren schr still und leer.

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