herben Luft, die ich von meinem ersten Prager Aufenthalt her noch gut kannte, strömte herein; es roch plõtzlich nach lãndlichem Frühling, nach Fluß und nach stãdtischem Rauch, und diese Mischung ließ mich unwillkürlich an die Bauernmãdchen mit den bunten Kopftũchern inmitten des großstãdtischen Straßenverkehrs denken. An die tschechi- Schen Mädchen mit den sanften braunen Augen über den leicht her vortretenden Backenknochen und den festen Lip- pen, die lustig und zugleich ernst sind, wie die Lieder, die sie singen:
Auf der Prager Brücke sprießen
Kleine Rosmarin,
Laß mich meinen Lichsten grüßen
Beim Vorũberzichn...
Das Lied rührte in mir einen Wirbel unklarer Gefühle und Frinnerungen auf. Es verursachte ein leises Zichen in der Herzgrube— eine Empfindung, wie man sie hat, wenn einem unverhofft jemand begegnet, jemand...
Für einen Augenblick tauchte vor mir ein Gesicht auf, ein Mãdchengesicht mit bãuerlichen Zügen, mit dichtem feinem Haar von tiefem Braun und gleichfarbenen, etwas verschleierten Augen; Lidkas Gesicht— doch da lief der Zug in den Hauptbahnhof ein, und ich wurde vom An- kunftsgetriebe verschlungen.
2
Auf der Kommandantur, wo ich mich gleich nach der Ankunft zu melden hatte, traf ich unter den Soldaten, die auf ihre Abfertigung warteten, einen Stabsgefreiten, in dem ich einen früheren Angehörigen des Leipziger Natio- nalsozialistischen Studentenbundes erkannte. Ich hatte ihn als Mitglied des„Politischen Stoßtrupps? in Frinnerung, als besonders eifrigen Parteigenossen und schneidigen Red-
31


