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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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auf die Lesehalle beschränkt, und ihr Gespräch auf

ein paar geflüsterte Worte. Das war enttäuschend, er hatte wenigstens auf Wiederholungen jener Tee­stunde gehofft. Dann kam ein Spaziergang im Hyde­park, bei dem sie aufgeschlossen, fast heiter erschien, und der sich weit ausdehnte, bis hinaus zum Schlöß­chen von Kensington. Aber bei der nächsten Begeg­nung war sie wieder verschlossen und fremd. Er mußte Geduld üben, lange Geduld, jahrelange viel­leicht. Er durfte auch weiterhin Vergangenes nicht berühren, mußte tun, als ob es Deutschland und deutsches Unheil nicht gäbe. Als sie sich vor dem Museumsportal wieder einmal trennten, spürte er un­vermutet einen festen Druck ihrer Hand.

Sie sagte: ,, Denken Sie nicht, ich wüßte nicht, wie gut Sie zu mir sind. Wie gut und wie geduldig. Ich muß Ihnen schon ganz abscheulich vorkommen, Ludwig."

Er nickte. ,, Vollkommen abscheulich. Abscheu­lich wie die Sonne und wie die Luft, von der ich lebe. So. Damit Sie es einmal wissen. Und nun gehen Sie und springen auf Ihren Autobus mit der mystischen Nummer!"

Und dann erfuhr er, langsam und bruchstückweise, doch etwas über ihre Schicksale in London .

Sie war, nachdem das Unglück geschehen war, nicht nach Deutschland zurückgekehrt. Dort hatte sie nichts zu suchen- nichts als eine Urne in einer Mauernische des Frankfurter Friedhofs. Die Genfer

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