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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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Leder krachte ein wenig, es scholl ihm laut. Er wand­te langsam den Kopf nach ihr.

Er wußte nicht sogleich, ob sie es war. Er fragte nicht einmal sehr eindringlich danach. Er wußte nur, daß sich in diesem Moment sein Dasein veränderte.

Sie saß da, das Haupt in die Linke gestützt, und schaute auf ein großes Buch, das sie vor sich hinge­lehnt hatte. Nichts verriet in ihrem Gesicht, daß sie den Druckzeilen folge. Es sah eher aus, als träumte sie durch das Buch hindurch.

Von ihrem Auge war nichts zu sehen, als ein sei­diger Schleier hing die schwarze Wimper davor. Von dem kleinen Ohr, das ausgeformt war wie ein Schmuckstück, war das glatte und reiche Haar weg­gestrichen, dunkel, nächtig dunkel, von ,, purpurner Schwärze", und gab eine schmale Wange frei, die bräunlich erschien, wüstenhaft fast. Aber die kleine, gerade Nase war Arethusas, und es war Arethusas rundes und festes Kinn. Ihr Mund hatte sich leicht geöffnet in der Versunkenheit, es war ein Mund mit vollen, etwas zu vollen Lippen, dessen Ausdruck schmerzlich wirkte, und der trotzdem- oder war es deshalb ein wehes Begehren erweckte. So saß sie und träumte durch ihren Folianten hindurch.

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Er wagte nicht, lange hinzusehen. Ja, sie mußte es sein. Hatte er denn nicht auf diese Wiederbegnung gewartet, seit sie damals mit strömenden Tränen auf dem Holzstuhl gesessen hatte im Haus seines Vaters, neben dem flammenlosen Kamin?

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