hier nicht gedacht worden war. Diese totenstille Halle war bunter als der farbigste Hafenplatz. Hier kann es dir geschehen, daß du zur Rechten eine Hindu hast, über frühchristlichen Manuskripten beschäftigt, und zur Linken einen ebenholzhäutigen Herrn mit weißem Kraushaar und scharfer Brille, der Pringsheim 'sche Mathematik studiert. Hier vermischt sich in einer stummen, dauernden Hochzeit jederlei Blut mit jederlei Geist.
Ludwig war mehrmals hergekommen, um sprachliche Nachschlagewerke zu konsultieren. Er tat es mehr aus Neigung als aus Notwendigkeit, weniger für seine Schüler als für sich. Das große Oxforder Lexikon besonders hatte es ihm angetan, dies vollkommenste Wörterbuch der Erde, das unerschöpfliche Bergwerk menschlichen Ausdrucksvermögens, erleuchtet bis in die untersten Adern.
Er hatte sich auch heute einige von den 30 Bänden auf seinen Lesetisch getragen, zwei deutsche Grammatiken außerdem. Er schlug auf, blätterte, ging zurück, machte sich seine Notizen, hielt sich länger auf als nötig gewesen wäre, bezaubert von so viel profunder Genauigkeit und solidem Reichtum.
Dann träumte er über die Bücher hinweg in die Lautlosigkeit der Wissenshalle. Es war fast jeder Studierplatz besetzt, dreihundert Leser mochten anwesend sein, einer nahe dem andern an den langen Tischen, aber durch Mauern des Schweigens voneinander abgeschieden, jeder in seiner gesonderten Welt. 302


