Es kam vor, daß sich Ludwig unversehens vom Buche oder vom Schachbrett aufrichtete, die Augen schloß und tief Luft schöpfte, wie einer, der fürchtet, der Atem könne ihm ausgehen. Es waren die Augenblicke, in denen ihn das Bewußtsein seiner Lage pressend überkam. War es möglich, daß dies endgültig sein sollte, diese Existenz ohne Ausblick, in Gemeinschaft mit einem Freund, an den ihn doch Erinnerung und Mitgefühl stärker als Anderes band.
Er brauchte Gewalt, um über solche Anwandlungen hinweg zu kommen. Er stellte sich fremdes Schicksal vor, bei geschlossenen Augen: das von Arbeitern, die in deutschen Höllen unter der Zuchtpeitsche schrieen, das von Heinrich Nothaft, dem der Büttel die Hände zerschlug, die nicht harmloses Leben hatten zerstören wollen, das von Wetzlar, den die hetzerische Meute in seinen Tod trieb. Ich darf atmen, gehen wohin ich will, denken wohin mein Gedanke mich führt, sagte er sich, ich bin glücklich, ich habe glücklich zu sein! Und so ging es vorüber.
Er sah nicht viel anders aus als ein Jahr zuvor. Sein Haar war wieder gewachsen, weich und dicht und jugendbraun lagerte es über der Stirn, und er hatte keine Ähnlichkeit mehr mit Herrn Ozols aus Riga . Von Erregung und Anstrengung war ein einziges Kennzeichen zurückgeblieben: ein vibrierendes Zukken am rechten Augenwinkel, nahe der Schläfe. Er hielt es erst für eine neuralgische Erscheinung, die
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