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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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betraf, so entsprach das Häuschen in Charlbert- Street ebenfalls bedeutenden Ansprüchen. Aber mit zwei­hundert Schritten war man im Park. Seine sanften Wiesen und lichten Wäldchen taten sich auf, ein See schimmerte, von Wasservögeln fröhlich bevölkert, und am Saume zeigten sich künstliche Felsgebilde, zackiges Wohngebiet für die Gemsen und Steinböcke des Tiergartens. Jetzt war noch Winter. Aber wie schön würde es sein, an einem Juni- oder September­tag lesend auf einer Parkbank zu sitzen oder den spie­lenden Hunden zuzusehen, deren Tummelplatz diese Grasflächen waren.

Ihre Abende verbrachten sie immer zu Hause. Stei­ger hatte den Tisch abgeräumt, und sie machten es sich beim elektrischen Öfchen nach Kräften bequem, jeder mit einem Buch, das aus der Leihbibliothek stammte. Manchmal auch spielten sie Schach . Sie wa­ren beide von Meisterschaft weit entfernt, Ludwig am weitesten, sie spielten gerade gut genug, um zu wis­sen, wie schlecht sie spielten. Aber der herrliche Kampf unterhält ja auf jeder Stufe. Mitunter drang das Gemurmel von unten herauf oder der ekstatische Aufschrei, dann hatten die Adepten für ihre zwei Schilling einen Vorhang sich geisterhaft bauschen sehen oder gar eine halb ausgeformte Hand sich bläu­lich bewegen im Dunkel. Und selten einmal, wenn es ganz still war und der Wind günstig, hörten sie hier in ihrer Stube jenes dumpfe Brüllen der großen

Katzen.

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