In London sind die anspruchsvollen Wohnquartiere von den bescheidenen wenig geschieden. Ganz nahe beim Königspalast gibt es kahle, trübselige Gassen. Tat man hier draußen vom Park ein paar Schritte seitwärts, so öffneten sich armselige Sträßchen, in denen es Mietszimmer gab. Die Charlbert- Street war von der Sorte.
,, So stell' ich mir Dakar vor oder Swakopmund ," hatte Ludwig gemeint, als sie das erste Mal hier entlanggingen, und wirklich hatte das ganze Bild etwas provisorisch Koloniales. Einstöckige Häuschen, nicht alt aber verwahrlost, zum Abbruch reif oder schon bestimmt, wechselten mit lieblos erstellten Kasernen ab. Seltsam stand dazwischen eine Art von niedrigem Kirchlein, Bethaus oder Sektenschule früher einmal, doch jetzt in profanem Gebrauch, mit einem gemeisselten Portal das zerbröckelte, Unrat im Vorhöfchen und Holzverschlägen vor den gotischen Fenstern.
Aber gleich um die Ecke, mit der Aussicht auf den Regents- Park, erhoben sich prachtvolle, großbürgerliche Wohnbauten, mit livrierten Dienern im Eingang, wo die Jahresmiete 800 Pfund betrug.
Das Häuschen an der Charlbert- Street besaß zwei Stockwerke, war aber dafür so schmalbrüstig, daß nur je ein Fenster zur Straße ging. Zu ebener Erde befand sich eine Gemischtwarenhandlung, in der es, neben Gemüse, Obst, Cigaretten und jederlei kleinem Hausbedarf, verwunderlicher Weise auch Lederwaren zu kaufen gab. Neben den Büchsen mit Bodenwachs und
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