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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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,, Hm." Der Mann hinterm Schreibtisch nahm einen langen und schweren silbernen Bleistift zur Hand, ein Mammut von einem Stift, und malte über den Zettel, von dem er Steigers Namen abgelesen hatte, bedächtig ein großes, blaues Kreuz.

,, Sind Sie der Ansicht," fragte er langsam ,,, daß Herr Steiger seine deutsche Nationalität verloren hat oder verlieren wird?"

Ludwig schwieg. Er sagte sich, daß von seiner Antwort viel abhing. Offenbar hatte man hier schon des öftern mit solchen Flüchtlingen zu tun gehabt, denen von Berlin aus, ganz als ob dergleichen über­haupt möglich wäre, das ,, Deutschtum aberkannt" worden war. Wen immer diese Maßregel traf, der empfand sie zunächst als Geschenk, da sie ihn ja von der herrschenden Sippschaft auszeichnend distanzier­te. Aber für fremde Behörden lagen diese Dinge sicherlich kompliziert: sie hatten politische Schwierig­keiten zu bedenken. Sagte er also jetzt die Wahrheit, so nahm er Steiger und damit auch sich vermutlich die letzte Chance. Er zögerte. Allein er fühlte eine völlige Unfähigkeit, zu lügen. Seine Achtung vor dem freien Gesetzesstaat, gesteigert, ja erst ins Be­wußtsein gehoben durch seine Verachtung des Will­kürregimes, das ihr Gegensatz war, behielt die Ober­hand. Er sagte:

Jawohl. Ich glaube, daß Herr Steiger seine deut­sche Staatsangehörigkeit verloren hat."

,, Ah," sagte der Herr gegenüber ,,, das ist ja sehr gut."

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