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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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müde kam er heim. Er lag wach in den Nächten, horchte auf Steigers Atem, der nun kräftiger ging, und das Nichts tat sich auf vor seinen schmerzenden Augen, wie der Ausblick in eine tiefe, unheimliche Halle voll Schatten.

Wozu denn hatte er Steiger gerettet, wenn er nicht fähig war, seine Existenz zu sichern! Wo zeigte sich irgend ein Broterwerb, in einer Welt, in der die In­tellektuellen das hoffnungsloseste Proletariat darstell­ten? Jeder Staat wachte eifersüchtig darüber, seinen Markt den eigenen Kindern vorzubehalten. In allen Städten der Welt standen in langer Reihe die Arbeits­gierigen vor den Volksküchen und warteten auf einen Löffel Suppe, um sich zu fristen.

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England er wußte eigentlich nicht, wann er an­gefangen hatte, an England zu denken. Es schien ihm selbstverständlich, daß England ihr Ziel sein müsse. Dort schuf die Gunst der wirtschaftlichen Situation noch Möglichkeiten. Aber das allein war es nicht. Noch weniger war es die Hoffnung, bei den hoch­gestiegenen Verwandten seines Hauses Förderung zu finden. Er war wiederholt in England gewesen, er kannte ein wenig den Hof und die Aristokratie. Aber daran stellte sich keine Erinnerung ein, es war ein ganz andres Bild, das in ihm wiederkehrte.

Er sah sich zur Feierabendzeit inmitten der Men­schenflut auf der London - Bridge. Aus der City zogen die Heimkehrenden über die Brücke, Kopf an Kopf, eine dunkle Armee, eine schweigende Armee. Er­250