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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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Laune, eine angenehme Hausgefährtin. Ruth in ihrer südlichen Ferne konnte gewiß sein, daß der Vater wenigstens physisch wohl aufgehoben war.

In dem Haus an der Miquelstraße war von dem neuen Gesetz niemals die Rede. Möglicherweise kannte Wetzlar es gar nicht, da er sich deutsche Zei­tungen nicht vorlesen ließ und jetzt niemand da war, um ihm englische vorzulesen. Sicherlich kannte das Mädchen Hermine es nicht; sie war nicht ohne Selbst­bewußtsein, lehnte den Verkehr mit anderen Dienst­boten ab und ging fast nie aus. Der Chauffeur Martis, der mit Frau und Kind in drei Zimmern über der Garage lebte, hatte den giftigen Schwachsinn wohl gelesen, ihn aber sogleich wieder vergessen oder doch keine praktische Nutzanwendung daraus gezogen. Ein hilfsbedürftiger alter Herr und ein gesetztes, ver­nünftiges Mädchen, das halb zur Familie gehörte den Fall konnte auch der beflissenste Nazipolizist nicht in das Gesetz einbeziehen.

Diese Überschätzung rächte sich. Martis hätte war­nen müssen. Er warf es sich später aufs Bitterste vor. Sein Leben lang kam er über diese verhängnisvolle Unterlassung nicht völlig hinweg.

Denn irgend ein dienstwilliger oder bezahlter Schuft in der Nachbarschaft hatte die Geheime Staats­polizei auf ,, das Treiben im Wetzlarschen Hause" aufmerksam gemacht, und eines Nachts um halb zwölf wurde der Antiquar aus seinem Bette heraus verhaftet. Er nahm das Begebnis erstaunlich gefaßt

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