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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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der Welt nicht zu scheuen. Eines Tages würde der Welt schon das Lachen vergehen. Dann nämlich, wenn Deutschlands militärische Rüstung vollendet

war­

Im Lande selber, unter den deutschen Juden, gab es Zähneklappern. Opfer an Menschenwürde hatten viele von ihnen achselzuckend gebracht. Aber nun ging es an den Komfort ihres Alltags! Für manchen war diese Entbehrung das erste Ungemach, das er wirklich empfand. Die Dienstmädchen weinten. Stel­lungen bei Juden waren begehrt gewesen. Man bekam da genug zu essen und wurde angeredet wie ein Mensch. Einige erschienen bei den Behörden und frugen an, ob sie vielleicht weiterdienen dürften, wenn sie zum Judentum überträten.

Die neue Verordnung, aus ganz speziellen Grün­den, wurde mir Strenge durchgeführt. Ausnahmen gab es diesmal nicht. Selbst Bestechung versagte. Die ausführenden Organe wußten, daß hier nicht zu spassen sei. Denn dieses Dienstmädchengesetz war ein Herz- und Krongedanke des Führers.

Ruth also war auf ihrer Reise, als es erlassen wurde. Sie badete mit ihren Freunden auf Rhodus . Ohne all­zuviel Sorge hatte sie den Vater zurückgelassen. Es war jemand im Hause, der ihre eigene Obhut und Pflege zu ersetzen im Stande war, ein Mädchen, das seit zehn Jahren in der Familie lebte, herzlich an Wetzlar hing, jede seiner Gewohnheiten kannte. Eine kräftige Dreißigerin, immer freundlich und guter

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