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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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kommen. Und ebenso undenkbar schien es, den blick­losen und gebrechlichen Greis noch zu verpflanzen. Auch hätte er ja außerhalb der Reichsgrenzen keine Existenzmittel besessen. Durch seine verzweigten Verbindungen wäre es ihm gewiß möglich gewesen, zu gelegener Zeit Teile seines Vermögens in's Aus­land zu schaffen. Aber bei der pedantischen Loyali­tät sogar gegen diesen Räuber- und Schandstaat, die sich gerade sehr viele Juden sinnwidrig zur Pflicht machten, hatte er solche Chancen immer von sich gewiesen. Jetzt war es zu spät dafür.

Er spürte, was in ihr vorging. Er wußte, daß sie litt. Er hatte oftmals versucht, sie wenigstens zu einem Erholungsaufenthalt draußen zu veranlassen. End­lich erreichte er's. Eine befreundete Genfer Familie, Eltern und zwei Töchter, forderte Ruth zu einer ge­meinsamen Reise auf- nicht ohne sein Zutun. Dies­mal also, nach vielem Zureden, nahm sie an. Man wollte von Triest aus die Adria hinunterfahren, ein paar Wochen auf Rhodus verbringen, Ägypten und die Heiligen Länder sehen und über Sizilien zurück­kehren. Ruth war seit vierzehn Tagen unterwegs, da geschah das Unglück.

Es geschah als Folge eines neuen Gesetzes, das auf der Tagung der Hitlerpartei in Nürnberg zur Ver­kündigung kam. Diese Parteitage, ungeheuerlich auf­geblähte Rummelfeste zu Ehren des Volksheilands, gipfelten regelmäßig in irgend einem politischen Blitz- und Donnereffekt. Der diesjährige Effekt be­218