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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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7.

Will jemand von einem Tag zum andern sein Aus­sehen verändern, so kann er sich nur an die Haar­tracht halten. Ludwig dachte erst an ein einfaches Kurzscheren, dann aber wählte er einen andern Schnitt, jenen, bei dem am sonst rasierten Schädel nur vorn in der Mitte eine kleine Haarfläche übrig bleibt. Zwar war dies deutsche Erfindung und wurde bei Angehörigen sonstiger Nationen nicht angetroffen; aber keine andere Frisur, so schien ihm, entstellte gleich gründlich. Mit Befriedigung betrachtete er die Photographie in seinem Paß: doppelt gestempelt durch die Polizeidirektion in Riga, Lettland , präsen­tierte sich da ein leer blickender Fremder mit abste­henden Ohren, der 1908 in Liepaja geborene Karlis Peteris Ozols, Kaufmann.

Immer wenn er alleinblieb auf seiner Reise, zog er das rotbraune Büchlein hervor und beschäftigte sich mit dem fremdartigen, ganz innerasiatisch anmuten­den Text, unter dem eine französische Übersetzung angebracht war. Apraksts" hieß da Personalbe­schreibung und ,, Pavalstnieciba " hieß Nationalität. Niemand werde und könne ihn prüfen, hatte Scheurer versichert, Lettisch sprächen auf Erden nur eine runde Million Menschen, darum eben habe man diese Staatsangehörigkeit für ihn ausgewählt. Aber Ludwig hatte schon Mühe, seinen Namen zu memorieren. Als an der Grenzstation die kontrollierenden Beamten 191