Druckschrift 
Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
Einzelbild herunterladen

den Waggon betraten, schlug ihm recht spürbar das Herz. Doch man behandelte den reisenden Ausländer mit betonter Zuvorkommenheit.

Es war Ludwig zu Mut, als wäre er lange fortge­wesen. Mit entfremdeten Augen blickte er auf sein Vaterland. Die gehäuften Uniformen auf jedem Bahn­steig, das schreiende Hakenkreuztuch, das an den un­möglichsten Orten herumhing, es erschien ihm alles so neu. Vor allem fiel ihm das Gehabe der Leute auf, die wechselnd in das Abteil dritter Klasse einstiegen, um ihre kurzen Reisen zu tun: mit verschlossenen und verdrossenen Blicken betrachteten sie einander, und kam ein Gespräch zustande, so hielt es sich in den langweiligsten Allgemeinheiten. Da jeder in jedem einen der Spitzel vermutete, mit denen das Land überschwemmt war, und die sich als Arbeitsplatz mit Vorliebe die Eisenbahnzüge aussuchten, empfahl es sich so. Das Volk hier in sächsischen und thüringi­schen Landen war sonst lebhaften Geistes und häufig von drastischem Witz; jetzt hörte Ludwig kein heite­res Wort.

Als es dunkelte, nickte er ein wenig ein im über­heizten Coupé. Ein ruckweises Anhalten des Zuges erweckte ihn. Er sah durch die halbvereiste Fenster­scheibe auf einen schwachbeleuchteten Bahnsteig hin­aus, ohne viel zu erkennen. Plötzlich fiel ihm die Form des Zeitungskiosks auf- er war erbaut wie ein Schweizerhäuschen und übrigens schon geschlossen - und er wußte, daß er im Bahnhof seiner Heimat­192