lichem Haar, an deren Kleid sich ein Kind hing. Aus einem Parterrefenster kam wieder jene zirpende Musik.
Ludwig griff nach dem Brief in seiner Tasche. Dann sagte er: ,, Nein, es ist gut, ich gehe doch lieber selbst," ließ die erstaunte Frau stehen und stieg ganz langsam die traurigen Treppen hinauf. Aber als er oben ankam, tobte sein Herz derart, daß er sich erst an die Wand lehnen mußte.
Er schellte. Sehr schwere Schritte kamen, Rottecks Schritte. Mit der Möglichkeit, Sanna könne zu Hause sein, hatte Ludwig überhaupt nicht gerechnet, und sie war es auch nicht. Heute faßte Rotteck ihn nicht um die Schulter, er ging ihm voraus in sein Kabinett. Im Lichte des endenden Tags war das bedeutende Gesicht fahlgrau, und zum ersten Mal bemerkte Ludwig einen erschreckenden Zug: der linke Mundwinkel war so nach abwärts gezogen, daß es aussah wie Zerrung oder Lähmung. Aber die Schreibfeder lag über einem halbgefüllten Manuskriptblatt wie eh und je. Ein eisernes Öfchen glühte und überheizte den winzigen Raum.
,, Lang nicht gesehen, Prinz und Herr. Vierzehn Tage wohl schon?"
,, So lange, Herr Geheimrat, bin ich noch nicht in Prag ."
,, Na ja, man verzählt sich. Sie rollt, sie rollt so hinunter, innumerabilis annorum series et fuga temporum... Passiert es Ihnen eigentlich auch, daß Sie
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