Augenblick lassen. Erlaubte er sich's, so wäre das der Zusammenbruch. Nur so ertrug er die furchtbare Isolierung. Rief ihn das Leben an, so stürzte der Nachtwandler vom Dache.
Es war erschütternd zu sehen, mit welcher Bereitwilligkeit, ja Begier, er auf Ludwigs erste Frage sofort die Blätter zur Hand nahm, um vorzulesen- diese Blätter, die er aufschichtete Tag um Tag, und die vielleicht bestimmt waren, keines Lesers Auge mehr zu erreichen. Von den französischen Portraitisten des 17. Jahrhunderts war auf ihnen die Rede: die Richelieu- Welt erstand, dunkel glühend, in einer gütelosen Würde. Rottecks Stil schien Ludwig noch mehr zum Gebieterischen hin verwandelt. Er war härter geschnitten. Manche Perioden klangen wie aus dem Lateinischen übersetzt.
Es war, als nähme Susanna wenig Anteil an seiner Arbeit. Eine sonderbare Stummheit und Fremdheit regierte zwischen den Beiden- oder war es vielleicht ein Verbundensein, so vollkommen, daß es der Sprache entraten konnte? Es fiel kaum ein persönliches Wort. Rottecks Haltung ihr gegenüber war die einer fast zeremoniösen Höflichkeit. Susanna schien wenig zu Hause zu sein, sie ging und kam wie sie wollte. Erschien sie, so war niemals von Menschen die Rede, denen sie begegnet sein mochte. Es war unklar, was sie in den vielen Stunden eigentlich trieb. Jetzt, da Ludwig gekommen war, hatte sie soviel Zeit für ihn, als er sich nur ersehnen konnte.
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