8.
Gretschels Weinhaus war ein solides Restaurant, in einer der Gassen hinter dem Altmarkt in Dresden gelegen. In seinen dunklen Ledersesseln tranken Rentner und gutgestellte Beamte einen würzigen Dämmerschoppen. Auch waren Herrn Gretschels Krebse unter diesen behaglichen Kennern berühmt. Er selber, beleibt, angenehm anzuschauen, und witzig beredt in seinem Heimatdialekt, bewegte sich umsichtig zwischen den Nischen und besorgte persönlich die Bedienung seiner ansehnlichsten Gäste. Politisiert wurde nicht. Aber keine braune oder schwarze Uniform war hier noch gesichtet worden. Man verstand sich innerhalb dieser Stammkundschaft, die einer andern Zeit angehörte. Gretschels Weinstube war eine Insel des Friedens.
Es gab übrigens noch ein Hinterzimmer. Ein langer, dunkler Korridor, der zweimal im rechten Winkel abbog, führte dorthin. Der Raum war ganz klein, sein einziges Fenster ging auf einen Hof hinaus, der nicht viel mehr war als ein Luftschacht. Man mußte um Mittag hier Licht brennen. Aber dies Zimmer wurde selten benutzt. Herrn Gretschels Kellner, der erst vor vier Wochen bei ihm in Dienst getreten war, wußte vielleicht noch gar nicht, daß es existierte.
Heute Abend war eine kleine Gesellschaft hier versammelt. Acht Herren sassen um den runden eichenen Tisch. Jeder von ihnen hatte ein grünliches Römer
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