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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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7.

Kurz nach fünf Uhr an jenem Morgen ging Hertha leise die Treppe zur elterlichen Wohnung hinauf, leise öffnete sie, legte sich leise in ihr Bett. Sie schlief natürlich noch, als ihr Vater, Oberregierungsrat sei­nem Titel nach und dem Vizekanzler Papen attachiert, gegen zehn Uhr das Haus verließ, um sich in sein Bureau zu begeben. Auf diese Weise sah sie ihn nie­mals wieder. Denn er gehörte zu den Niegezählten, die an jenem Tage ermordet wurden. Besonders um den Vizekanzler herum wurde ,, kahlgeschossen". Es war der Morgen des 30. Juni 1934.

Durch eine verständliche Fügung erfuhr Ludwig an diesem und an den folgenden Tagen nicht, was im Lande geschah. Kein Spritzer von dem schäumenden Blutbad erreichte das Camburger Schloß, es lag in diesen Tagen des funebren Zeremoniells in unerreich­barer Isolierung. Niemand sprach zu den Söhnen über die Geschehnisse; man hätte es nicht gewagt und glaubte sie im übrigen orientiert, besser als Andere.

Allerdings fiel es Ludwig auf, wie gering die Zahl der auswärtigen Trauergäste war. Kein Vergleich mit dem Zustrom an verschollenen Fürstlichkeiten da­mals, als Anna Beatrix starb. Aber dies schien be­greiflich. Die jungen Erben des Hauses waren drau­Ben fast unbekannt. Und außerdem mied, wer es ver­mochte, eine Reise in das tief verdächtige Deutschland . So war es eine kleine, schattenhafte Trauergesell­

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