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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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war auch äußerlich Anlaß, denn selten gelangte einer unzensuriert zu Ludwig. Ehe er ihn las, wusch er sich jedesmal die Hände und verbrannte den Umschlag, den die Tatzen der Hitlerpolizisten geöffnet und ihre Zungen bespeichelt hatten.

Was Rottecks kleines Vermögen betraf, so hatte er ohne viel Umstände Wort halten können. Unter di­plomatischem Verschluß war die anvertraute Summe hinausgelangt. Bibliothek und Mobiliar lagerten wei­terhin bei der Firma S. Lemberger. Man habe nicht Platz, um die Bücher aufzustellen, hieß es aus Prag . Das erweckte beklemmende Vorstellungen.

Daß er sichs selber nur eingestand: es war Susanna, um die er sich sorgte. Er war viel tiefer verwundet, als er gewußt hatte. Ihr Gang, ihr Haar, ihre Stimme blieben fast bedrohend lebendig. Einige Male stand von ihrer Hand ein kleines Postscriptum unter den Briefen, grammatikalisch nicht einwandfrei, was auf ihre fremde Herkunft zurückging, und in einer eigen­tümlich ungepflegten, nicht völlig reinlichen Klein­mädchenschrift, die seltsamer Weise etwas Erregen­des hatte.

Er lebte im Übrigen nicht viel heiliger, als gerade­gewachsene junge Leute es in einer großen Stadt zu allen Zeiten gewohnt sind. Der Anbruch der neuen Ära hatte die weibliche Zurückhaltung nicht geför­dert, im Gegenteil drang eine Ahnung hervor, daß man chaotischen Schrecknissen zutreibe und wohl daran tue, Abenteuer noch mitzunehmen.

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