Mit System und Beharrung erzog er sich selber zum Sehen. Er verbrachte schweigsame Stunden, die hinflogen, in den Studienzimmern des Kupferstichkabinetts, es zog ihn im Museum immer wieder in die Seitenzimmer zu Schongauer, Altdorfer, Hans Baldung Grien, und in den 23. Saal zu Multscher und Landauer. Das also war einmal Deutsch gewesen, dies heitere Frommsein, diese klare Wahrhaftigkeit, dieses zugleich liebreiche und wagemutige Anschauen der Realität.
Zu Rotteck, anders als er erwartet, liefen nur dünne Fäden. Der Vertriebene hatte sich in Prag festgesetzt. Eine Zeit lang schien Aussicht, dort einen Lehrstuhl für ihn freizumachen, erst war von einem Ordinariat die Rede, dann von einer außerordentlichen Professur, endlich wurde es still davon. Der günstige Wille der tschechischen Regierung war unverkennbar, aber die materiellen Hemmnisse ließen sich nicht überwinden. ,, Könnte ich Stiefel machen, Brillen schleifen, gebrochene Steißbeine flicken, dann wäre vielleicht Platz in der Welt für mich," schrieb er an Ludwig, ,, aber wo braucht man einen Historiker des Portraits.' Er hatte Unrecht. Auch die Schuhmacher, Brillenschleifer und Chirurgen irrten ohne Brot durch die Länder. Die Anstrengung der Geflüchteten stieß sich wund an zurückweichenden Mauern.
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Es ging aus den immer kürzer werdenden Briefen aus Prag nicht deutlich hervor, wie die Beiden dort lebten. Die Briefe schwiegen sich spröde aus. Dazu
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