verwundert die Brauen hoch: es zählte nicht zu Susannas Gewohnheiten, ihn vom Kolleg abzuholen. Aber Ludwig kannte sehr wohl die Erklärung. Sie hielt ihn in Gegenwart einer Frau für geschützter.
Sie nahmen Rotteck in die Mitte. Er lächelte flüchtig. Im unerbittlichen Sonnenlicht sah er recht verfallen und alt aus. Gesprochen wurde nicht viel. Als Ludwig sich auf dem Landgrafenberg verabschiedete, hielt der Geheimrat seine Hand fest und sagte: ,, Wissen Sie, ich gehöre nicht zu den Leuten, die vom Kaffee bis zum Nachtschoppen Goethe zitieren. Eher im Gegenteil. Aber manchmal kann man nicht umhin. , Wir Deutschen sind von gestern', hat der gesagt ,, es können noch ein paar Jahrhunderte hingehen, ehe man von uns wird sagen können, es sei lange her, daß wir Barbaren gewesen'."
Dies war am 14. Mai. Am 16. erhielt Rotteck einen handbreiten, mit der Maschine beschriebenen Zettel, der ihm mitteilte, er sei vorläufig von seinem Lehramt suspendiert. Der Zettel kam aus dem Ministerium für Kultus und Unterricht. Irgendein Sekretär hatte unleserlich unterschrieben.
Am selben Abend saß man zu dritt im Arbeitszimmer der Villa. Es ging gegen neun. Ludwig legte den Zettel still auf den Tisch zurück. Die Schmiererei des Herrn Hoffedanz über Dürer fiel ihm ein, Rottecks beißende Antwort, die zu allem der Anlaß war, und seine ironische Sicherheit damals: schließlich bin ich Professor, Ehrendoktor, Ordenskomtur.
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