Hauslehrers Doktor Steiger, eines befähigten Philologen und Historikers, auch als sein Bruder August in die Oberklasse des Gymnasiums eingetreten war. Steiger war ein ruhiger, überaus gepflegter Mann in den Dreißigern, mit sehr großen, sanften, braunen, etwas vorstehenden Augen, und einer feinen Stimme; er hatte im ersten Kriegsjahr durch einen Granatsplitter die linke Hand verloren. Sein Monarchismus war tief und leidenschaftlich und von speziell camburgischer Prägung. Er hatte über die herzoglichen Linien des Hauses Sachsen mehrere Werke veröffentlicht, und wahrscheinlich gab es auf Erden niemand, der über deren kompliziert verschränkte Geschichte so nachtwandlerisch Bescheid wußte. Lang verschollene, verschwundene Zweige, Sachsen- Merseburg, Sachsen- Römhild, Sachsen- Teschen, Sachsen- Barby, führten in seinem Kopf, in seinem allein, ein farbiges, plastisches Leben. Dies alles waren Wettiner , die Welt hieß für Doktor Steiger Wettin.
Und das war nicht abstrakte Genealogie und Heraldik. Sein Gegenstand entflammte ihn. Er träumte, er plante vielleicht. Warum ließ sich dieses fürstliche Haus nicht ebenso gut als Schnittpunkt europäischer Geschichte denken wie Habsburg und Zollern? Camburg war älter. Camburg war älter als alle. Vor fast tausend Jahren war Prinz Ludwigs Vorfahr Dietrich in der Sarazenenschlacht Kaiser Ottos des Zweiten in Kalabrien gefallen. Und das war keineswegs der früheste Ahnherr seines Schülers, von dem Doktor Steiger wußte.
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