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Der Geist der Mitte : das andere Deutschland : die "Umschulung" der Deutschen / August Blume
Entstehung
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Daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel(I):denn wodurch sollte das Erkenntnis- vermögen sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne rühren und teils von selbst Vorstellungen bewirken, teils unsere Verstandestätigkeit in Be- wegung bringen, diese zu vergleichen, sie zu verknüpfen oder zu trennen, und so den.rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu einer Er- kenntnis der Gegenstände zu verarbeiten, die Erfahrung heißt? (I).Der Zeitnach geht also keine Erkenntnis vor der Erfah- rung vorher, und mit dieser fängt alle an(II).

(Kritik der reinen Vernunft . Einleitung. I. Von dem Unterschied der reinen und empirischen Erkenntnis." Die Ziffern sind zur leichteren Auffindung hinzugefügt.)

Das ist so recht mit der Tür ins Haus gefallen wird man hoffentlich empfinden. Die Sätze, innerlich gegliedert, deutlich abgesetzt und doch nicht ein Organismus, lauter Bekanntes, Anzuerkennendes scheinbar enthaltend und doch Untergründiges, einleitendes Bruch- stück und doch abschließend, Zusammengehöriges, Ganzes, nein, mehr, in Keim und Kern das ganze System: sie sind hingeworfen Köder, den, wer ihn schluckt, nie wieder los wird, vielmehr an ihm durch die ganzeKritik sich nachschleifen lassen muß, ohne sich entscheidend wehren zu können. Es ist Kant, der sich vorstellt, der ganze Kant wie er leibt und lebt ist in diesen Sätzen, die, recht ver- standen, für seine Aufklärung mehr bedeuten, über ihn mehr aus- sagen als alles das, was er als seine Anschauungen dann von sich gibt. Sie sind der physiognomische Ausdruck seines Wesens, das in alle- dem waltet, und in ihnen steht der wahre Text zu lesen, wie manch- mal ein Mensch in einer Geste mehr von sich verrät, als im Reden und Tun geäußert wird: dasUnbewußte, wie man sagt, enthüllt die lautere, noch ungetrübte Wahrheit.(Es ist, den Tatsachen gegenüber, eine müßige Frage zunächst, ob und wieweit Kant bewußt geschrie- ben, so gehandelt habe.) Was spricht diese Physiognomik? Die ebenso scheinbar wie für selbstverständlich gegebene Einheit einer in Wirk- lichkeit vorhandenen und aufzudeckenden Gegensätzlichkeit: also Täuschung. Die Gefährlichkeit der Täuschung ist darin zu suchen, daß innere Kraft nötig ist, aufgebracht werden muß, um durchschauen zu können, daß das, was sich gibt, etwas ganz Anderes in sich hat, be- absichtigt, Gefahr und Überwältigung: der Täuschende setzt voraus, wir würden diese Kraft nicht aufbringen, nicht einmal an sie appellie-

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