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Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
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zusammen und starben den gräßlichsten Tod, den Tod durch Verbrennen. Der Geruch von versengtem Menschenfleisch, die Schmerzensschreie der bis zum Wahnsinn gepeinigten Opfer waren auch für die stärksten Nerven nicht mehr tragbar.

Nun wurde es auch den fanatischsten 4- Männern klar, daß ihre Uhr abgelaufen sei und sie versuchten ihr Heil in der Flucht. Es gab keine Bewachung und keine Bewachten mehr, es gab nur noch Schiffbrüchige. Mancher 4- Mann stürzte sich in voller Uniform über Bord und ertrank. Mancher versuchte noch einmal sein Herrenrecht zur Geltung zu bringen und starb. Den 4- Führern gelang es rechtzeitig in der Barkasse zu ent­kommen. Diese stolzen Kavaliere ließen in der Stunde der Gefahr ihre geliebten-Helferinnen schnöde im Stich. Einfache Soldaten nahmen sich dieser Mädels an und versuchten mit einem Rettungsboot ihr Glück. Aber beim Herablassen des Bootes verfingen sich die Taue und das Boot ken­terte. Alle stürzten ins Wasser und ertranken.

Hunderte von Häftlingen gingen über Bord und versuchten schwim­mend und mit Hilfe von Brettern, Bänken und Flößen das Land zu er­reichen. Auch ich stürzte nach dem Oberdeck. Beim Anblick des grausi­gen Schauspiels stand ich einen Augenblick zögernd an der Reeling. In zwölfjähriger Haft des Schwimmens entwöhnt, dazu mit der Verwundung schien es fast aussichtslos, durch vier Kilometer eiskalten Wassers an das rettende Ufer zu gelangen. Aber um mich loderten die Flammen des todgeweihten Schiffes, die Hitze steigerte sich zur Unerträglichkeit blieb mir keine andere Wahl, ich mußte über Bord!

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Mein erstes Bestreben war, möglichst rasch vom Schiff wegzukom­men, um nicht in den Strudel gezogen zu werden. Rückblickend auf die ,, Cap Arcona " zeigte sich an deren Mast die weiße Flagge. Sie wurde zu spät gezeigt. Weit draußen lag die ,, Deutschland ", nun auch in Rauch und Flammen eingehüllt. Überall um mich waren Menschen mit ver­zweifelten Gesichtern, die unter Aufbietung ihrer letzten Kraft um ihr Leben kämpften.

Bald mußte ich verspüren, daß meine Kräfte nicht ausreichen würden, das rettende Land schwimmend zu erreichen. Nur der eiserne Wille, in dieser letzten Stunde nicht zugrunde zu gehen, und das Bewußtsein, in der Heimat erwartet zu werden, weckten immer wieder neue Energien in mir. Doch alles hätte nichts genützt, wenn es mir nicht gelungen wäre, mich an einem Floẞ anzuklammern. Dieses war zwar nur für vier Mann berechnet, aber mit zwölf Menschen beladen. Durch den Seegang und die gesteigerte Unruhe dieses kleinen Häufchens Menschen kippte es immer wieder um und begrub uns alle unter sich. Und jedesmal waren es einige Unglückliche, die diesem Kampf unterlagen.

Neuer Lebensmut beseelte uns wieder, als sich am Horizont fünf große Dampfboote zeigten. Unsere Rettung schien gesichert. Doch bald verwandelte sich unsere Freude in Entsetzen. Nachdem die Besatzung dieser Boote festgestellt hatte, daß es sich um KZ.- Häftlinge handelte,

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