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Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
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Das Schiff in Flammen

Unsere neuesten Nachrichten lauteten: Englische Panzerspitzen haben Neustadt erreicht. Sofort tagte der Aktionsausschuß und beschloß höchste Alarmbereitschaft. Gegen 2 Uhr gingen wir auseinander, um die National­komitees zu verständigen. Doch das Schicksal nahm ungehemmt seinen Lauf. Die apokalyptischen Reiter jagten in voller Stärke über die Lü­ becker Bucht und hielten reiche Ernte. Die Maschinerie des totalen Krieges vernichtete alles, ob Freund oder Feind.

Als erstes Schiff fiel die 300 Meter von uns entfernt liegende Till­beck" einem Bombenhagel zum Opfer. Dieses Schiff legte sich sehr schnell auf die Seite und versank. Von den 2000 bis 3000 Häftlingen haben höch­Istens 50 das Ufer lebend erreicht.

Am 3. Mai 1945, nachmittags 3 Uhr, waren laut Rapport 4207 Häft­linge aller Nationen an Bord der ,, Cap Arcona ". Darüber hinaus 15 bis 20-Führer, 20 44- Helferinnen, 500 Mann Besatzung, Marinetruppen und eine kleine Anzahl der Schiffsbesatzung.

Wenige Minuten nach 23 Uhr fielen die ersten Bomben hart Steuer­bord neben uns ins Wasser. Der zweite Wurf war ein Volltreffer. Ich selbst befand mich in diesem Moment in dem früheren Rauchsalon. Mitten in einem Gespräch mit dem langjährigen Kameraden Longinius v. Novara ereilte uns das Schicksal. Krachend detonierten drei kleine Bomben in unserem Raum. Rauch und Dreck, Stühle und Tische, alles wirbelte wild durcheinander. Sekundenlange Stille folgte diesem wilden Inferno. Rasch verzog sich der Qualm. In der Bordwand und der Decke klafften riesige Löcher. Leises Stöhnen und Hilferufe waren die ersten Unterbrechungen der Stille. Überall lagen zwischen den Trümmern der Schiffseinrichtung die toten und verwundeten Kameraden. Auch ich war getroffen. Die rechte Gesäßhälfte war von einem Splitter durchschlagen und hinterließ eine im Durchmesser fünf Zentimeter große Wunde. Wieder einmal hatte ich Glück im Unglück; ich konnte noch stehen und gehen.

Eine weitere Erschütterung des Schiffes zeigte an, daß auch in anderen Schiffsteilen die Bomben ihr Ziel gefunden hatten. Mein Freund Longinius versuchte auf der Verbandsstation für mich Hilfe zu holen und ist von dieser Minute an nicht mehr gesehen worden. Das ganze Schiff stand sofort in Flammen. Jede Ordnung und Disziplin löste sich auf. Die einzige noch geltende Parole war: ,, Rette sich, wer kann!" Wenige-Männer besetzten die Treppen und versuchten mit Waffengewalt, die Häftlinge in das Feuer zurückzujagen. Aber der Nimbus ihrer Allmacht war vorbei. Wie überflüssige Spreu wurden sie weggefegt, und die Massen strömten nach oben.

Unbeschreibliche Szenen spielten sich in den engen Gängen des Schif­fes ab. Lebenden Fackeln gleich irrten die Menschen durch das Schiff. Über Tote und Verwundete stolpernd suchten sie einen Weg in die Frei­heit. Doch nur Wenigen gelang dies. Die meisten stürzten in einer Ecke

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