Druckschrift 
Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
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Zur Aufnahme der Verbindung mit den alliierten Truppen stellten sich sofort sieben russische Kriegsgefangene zur Verfügung. In der Nacht vom 29. zum 30. April 1945 verließen sie durch ein Bullauge das Schiff. An einem heruntergelassenen Seil verschwanden sie, mit Schwimmwesten versehen, in den dunklen kalten Fluten der Ostsee . Mit unseren heiße­sten Glückwünschen versehen, verließen uns diese Tapferen. All unser Hoffen klammerte sich an den Erfolg der kühnen Tat dieser Kame­raden.

Am anderen Morgen wurde der Zählappell gefälscht an den Rap­portführer Brinkmann abgegeben, und die Flucht blieb vorläufig unbe­merkt.

Aber bald sahen wir ein Boot von dem etwa 2000 Meter von uns entfernt liegenden Zielschiff der Kriegsmarine sich unserem Schiff nähern. Sie brachten einen unserer Flüchtlinge. In dem kalten Wasser bewußtlos treibend, hatten sie ihn aufgefischt. Noch ahnte die 44- Führung nichts und behandelte diesen Russen als gewöhnlichen Flüchtling.

Am anderen Morgen fuhr wieder ein Boot längsseits. Diesmal kam es vom Lande und brachte drei angeschwemmte Leichen in Häftlings­kleidern. Der eisigen Kälte waren unsere Kundschafter nicht mehr ge­wachsen gewesen. Sie gaben ihr Leben, um Tausende Leidensgenossen zu retten.

Die restlichen drei Kameraden blieben verschollen. Wahrscheinlich mußten auch sie ihren Opfergang mit dem Leben bezahlen.

Am Morgen des 2. Mai 1945 sahen wir durch unser Bullauge die Lübecker Bucht voll Kriegsschiffe. Die deutsche Flotte schien sich hier noch einmal ein Stelldichein zu geben. In unmittelbarer Nähe von uns wimmelte es von U- Booten. Weiter entfernt lagen Schiffe aller Größen.

Der 3. Mai 1945 zeigte wieder ein anderes Bild. Alle Kriegsschiffe waren in der Nacht ausgefahren. So weit das Auge reichte, war von ihnen nichts mehr zu sehen. Außer der ,, Cap Arcona " waren noch hier: die ,, Athen" mit 2000 Häftlingen, das Frachtschiff Tillbeck" mit 2000 bis 3000 Häftlingen und einige Kilometer weiter die ,, Deutschland ", ebenfalls mit Häftlingen beladen. Dazwischen schaukelten noch einige offene große Schutten mit Transporten aus dem Lager Stutthof bei Danzig .

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Auf der ,, Cap Arcona " war an diesem Morgen reger Verkehr. Gegen 10 Uhr kam ein Transport mit 205 Häftlingen aus dem Lager ,, Mittelbau". Im Gepäckraum sollten sie vorübergehend untergebracht werden. Dann kam ein Schwarm von 4- Helferinnen, die auf unserem Schiff vor den heranrückenden Engländern Schutz suchten. Die Barkasse pendelte den ganzen Vormittag zwischen Ufer und Schiff.

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