Druckschrift 
Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
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Auf der, Cap Arcona " herrschten nicht mehr die dienstbeflissenen Stewards und Stewardessen, sondern der Geist des Dritten Reiches . 44- Hauptsturmführer Thümmel und sein Rapportführer Brinkmann waren entschlossen, auf dieser ihnen noch verbliebenen Bastion bis zur letzten Minute ihrem Führerprinzip Geltung zu verschaffen.

In den kleinen Kabinen, für zwei Personen bestimmt, wurden zwölf Häftlinge untergebracht. Trotz dieser erdrückenden Enge hatten wir das Gefühl, als wären wir im Paradies. Vor allem gab es Wasser. Man konnte sich wieder einmal waschen, und der schlimmste Durst konnte gelöscht werden. Schlafen mußte man zwar am Boden, aber in den Kabinen war es wenigstens warm. Nicht alle Kameraden sollten unter diesen Verhält­nissen untergebracht werden. Thümmel gab als ersten Befehl die An­weisung: alle Russen kommen in den Bananenkeller. In diesem Raum wurde die Lage noch schlechter wie auf der ,, Athen". Es gab kein Tages­licht, die einzige Luftzufuhr kam durch einen Ventilator, der aber nur zeitweise zu gebrauchen war. Dabei war der ganze Raum knapp zwei Meter hoch. Irgendeine sanitäre Einrichtung gab es nicht. Der Boden war mit schmalen Latten beschlagen, so daß es fast unmöglich war, sich auch nur kurze Zeit zu legen.

Nach zwei Stunden lagen die Kameraden schon dutzendweise be­wußtlos am Boden. Der Mangel an Sauerstoff bedrohte alle mit dem Erstickungstod. Eine Intervention der drei verantwortlichen Häftlinge bei dem-Hauptsturmführer Thümmel war ergebnislos. Er erklärte kurzer­hand: ,, Das ist mir ganz egal, von mir aus können alle Russen verrecken. Und wem das nicht paßt, der wird selbst zu ihnen gesteckt!" Ohne ihn noch einmal zu fragen griffen wir zur Selbsthilfe. Mit Unterstützung der Häftlingsärzte wurden die Kabinen des D- Decks freigemacht und als Revier erklärt. Mehr als hundert der schwächsten Kameraden wurden aus ihrem Keller befreit und hier untergebracht. Damit war das Übel zwar nicht beseitigt, aber es wurde doch etwas erträglicher.

Auch den Gepäckraum ließ Thümmel mit Häftlingen belegen. Wenn dieser Raum auch nicht gerade geeignet war, Menschen zu beherbergen, so war es doch etwas besser als im Bananenkeller.

Zwei Tage nach unserer Verladung auf die ,, Cap Arcona " erschien die ,, Athen" wieder an unserer Seite, beladen mit 4000 neuen Häftlingen. Nun waren wir über 6000 Kameraden und 500 Mann Bewachung an Bord. Dieser Überfülle war das Schiff nicht gewachsen. Bald mangelte es auch hier an Trinkwasser. Die Küche, in der einst die herrlichsten Speisen zubereitet wurden, war nicht in der Lage, diese Menschenmenge mit dem Nötigsten zu versorgen. Es wurde zwar gekocht von morgens früh bis spät in die Nacht, aber auf den Einzelnen entfiel so wenig, daß keiner satt wurde. Wenn ein Schutzhäftling vom Glück begünstigt war, bekam er pro Tag einen Viertelliter Kaffe und einen halben Liter in purem Wasser halbgargekochte Steckrüben. Oft reichte auch diese karge Ration nicht für alle. Die Athen" hatte für uns in Lübeck 1500 Brote

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