gen. Öde, lichtlose Laderäume wurden unser neues Quartier. Nirgends waren auch nur die geringsten Vorbereitungen getroffen worden, um Menschen unterbringen zu können. Es gab weder zu essen noch zu trinken. Die Beleuchtung war äußerst mangelhaft. Nichts, gar nichts war hier vorhanden. Als Liegestatt diente zum größten Teil das blanke Eisen des Schiffsrumpfes. Dabei waren schon vor der Einschiffung zwei Drittel der Häftlinge schwer erkrankt. Die meisten waren von Dysenterie befallen und auf dem ganzen Schiff war für uns keine Möglichkeit, die Notdurft zu verrichten. Nur mit schwerer Mühe gelang es uns, bei der Schiffsbesatzung zwei Eimer für diesen Zweck zu organisieren.
Das Schiff war noch lange nicht seeklar. Die Lübecker Werftarbeiter waren überall damit beschäftigt, die Spuren eines Luftangriffes zu beseitigen. Trotz zwölfjährigem Naziterror war unter diesen Arbeitern der Geist der proletarischen Solidarität nicht ausgestorben. Zwei von ihnen nahmen die Verbindung mit uns sofort auf und waren bereit, für einige Mann die Flucht vorzubereiten. Doch fühlten wir uns für alle Kameraden verantwortlich und wollten ihr Schicksal teilen.
Ohne ihre Arbeit vollenden zu können, mußten diese Arbeiter gegen Abend von Bord, und der Dampfer lichtete die Anker. Die Fahrt ins Ungewisse begann. Jeder Häftling war sich bewußt, daß wir sie nicht zu einer Vergnügungsreise antraten. In kleinen Gruppen standen und lagen sie umher und diskutierten über die Fragen: Wohin werden sie uns bringen? Was werden sie mit uns tun? Immer mehr verbreitete sich das Gerücht, daß wir auf hohe See gefahren würden, um dort abzusaufen wie junge Katzen. Nur selten kam die Meinung auf, vielleicht fahren wir nach Dänemark oder Norwegen . Die Schwachen und Ängstlichen klammerten sich an diese Parole wie an einen Strohhalm. Andere, die noch etwas Lebensenergie in sich spürten, stellten die Frage des Widerstandes. Eine Gruppe von russischen Offizieren, einige Jugoslawen und Franzosen erklärten sich bereit, mit den wenigen deutschen politischen Häftlingen auf hoher See zu revoltieren und das Schiff unter eigenem Kommando in einen von der Roten Armee besetzten Hafen zu bringen. Wenn die erste Nacht in dem Schiffsleib unseres Frachters auch ohne besondere Vorkommnisse verlief, so wurde sie doch zu einer Nacht des Grauens. Nur langsam senkte sich die Ruhe über uns. Die Augen fielen vor Erschöpfung zu und der Mund verstummte, aber das Hirn arbeitete weiter und der erfrischende Schlaf wollte sich nicht einstellen. Die eisige Kälte, Hunger und Durst und vor allem die innere Unruhe trieben uns bald wieder auf die Beine.
Mit Staunen sahen wir am anderen Morgen auf der Reede von Neustadt ein großes Passagierschiff neben uns liegen. Wir lagen Seite an Seite verankert neben der 27560 Tonnen großen ,, Cap Arcona ". Durch unsere Verbindung mit der Schiffsbesatzung der ,, Athen" erfuhren wir bald, daß wir auf dieses Schiff verladen werden sollten. Doch die Regierungsgewalt schien schon ziemlich fragwürdig, denn der Kapitän lehnte
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