was nun aus uns werden sollte, was sie mit uns vorhatten, was wir da- gegen tun könnten, wurde der Inhalt langer Diskussionen, die in den Wagenecken mit flüsternder Stimme gepflogen wurden. Die Stimmung wurde immer gedrückter. So erreichten wir nach stundenlangem Stehen auf Nebengeleisen, nach vielem Rangieren und Verschieben, nach glück- lichem Überstehen von einigen Luftangriffen den Hafen von Lübeck .
Bei einem dieser unfreiwilligen Aufenthalte kamen wir mit einem Transport gefangener englischer Offiziere in Verbindung. Wir konnten unsere Waggons zwar nicht verlassen, aber bei ihnen war die Disziplin lockerer, und sie konnten zwischen den Geleisen auf und ab gehen. Unser zwar schlechtes Englisch reichte gerade aus, uns zu verständigen und ihnen zu sagen, wer wir wären, wohin unsere Reise voraussichtlich gehen sollte und daß wir nichts Gutes ahnten. Sie machten uns neuen Mut, indem sie uns erklärten, daß die faschistische Front überall zusammen- gebrochen sei und der Sieg und unsere Befreiung nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Durch das Einschreiten der Wachmannschaften war es nicht möglich, uns länger zu unterhalten. Doch retteten uns diese englischen Kameraden noch vor einem weiteren Luftangriff. Beim Nahen von alliierten Flugzeugen erkletterten sie die Eisenbahnwaggons und winkten ihren Kameraden aus der Luft zu. Diese umkreisten uns mehr- mals und flogen dann ab. i
Die Fracht der„Athen“
Noch wußten wir nichts von dem Befehl des Reichsführers der##, Himmler, der besagte, daß kein Häftling lebend dem Feind in die Hände fallen dürfe. Aber wir kannten die Nazis zur Genüge, um zu wissen, daß sie hemmungslos waren in der Beseitigung unliebsamer Gegner. Wir waren deshalb von Anfang an auf das Schlimmste gefaßt.
Doch durchschauerte es jeden eiskalt bei dem Bild, das sich uns im Lübecker Hafen bot. Da lag das 8000 Tonnen große Frachtschiff„Athen“, beladen mit ebenso dreckigen, zerlumpten und ausgehungerten Menschen wie wir. Eine endlose Schlange von neuen Elendsgestalten stieg die Fall- reep empor. Nahezu 2000 Kameraden aus unserem Lager waren es, die wir hier trafen und die mit uns auf dieses Schiff verladen wurden. Abseits im Straßengraben lag eine lange Reihe von toten Kameraden, die die Strapazen des Eisenbahntransportes nicht mehr überstanden hatten.
An Bord erwartete uns ein neuer Schrecken. Wir durften nicht auf dem Oberdeck die frische Luft genießen, die wir in den engen Eisenbahn- waggons so lange entbehrten. Über eine senkrechte eiserne Leiter ging es in einer halsbrecherischen Kletterei in den Bauch des Schiffes. Ein tschechischer und ein deutscher Kamerad stürzten dabei rücklings etwa acht Meter in die Tiefe und starben an den erlittenen inneren Verletzun-
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