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Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
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kam man aber zur Erkenntnis, daß die alliierten Panzer schneller waren als die Radierung dieser Maiden. Man griff deshalb zu einem abgekürzten Verfahren und beförderte diese Karteiblätter mit anderem belastendem Material, wie Akten, Pläne, Befehle, sowie die Karteien des Reviers und des Arbeitseinsatzes in den Ofen des Krematoriums.

Die Tischlerei bekam den Auftrag, den transportablen Galgen zu zer­sägen und zu verbrennen.

Ein besonderes Arbeitskommando wurde zusammengestellt, um den Aschenhaufen des Krematoriums nach nicht völlig verbrannten mensch­lichen Knochenresten umzuwühlen, damit diese noch einmal dem Feuer übergeben werden konnten.

Der Versuch, die menschlichen Zeugen des Nazischreckens zu beseiti­gen, begann mit der Verschleppung der zehn jüdischen Kinder aus der TBC- Versuchsstation des Reviers. Das Reiseziel sowie das weitere Schicksal dieser Unglücklichen ist unbekannt.

Am Sonntag, den 15. April 1945, wurden aus dem Revier 1500 Kranke nach Bergen- Belsen gebracht. Dieser Transportzug erreichte sein Ziel aber nicht, sondern fuhr einige Tage später wieder in den Bahnhof von Neuengamme ein, um neue Lebensmittel zu fassen. Dann wurde der Zug wieder mit unbekanntem Ziel in Marsch gesetzt. Der nächste Transport ging am Sonntag, den 22. April 1945, mit 400 gesunden Häftlingen. Nach dem Mittagsappell übernahm Rapportführer Dreimann persönlich die Aus­lese. Etwa 350 Mann wurden auf Grund ihres guten körperlichen Zu­standes für diesen Transport tauglich befunden. Den Rest hatten sich Dreimann und der Schutzhaftlagerführer Thumann bereits auf einer be­sonderen Liste vorgemerkt. Nach einem Ausspruch von Dreimann waren das solche Elemente, die auf keinen Fall dem Feind lebend in die Hände fallen sollten. Auf dieser Liste waren die Häftlinge, die in der Politischen Abteilung, im Arbeitseinsatz und bei der Post beschäftigt waren, ferner die Ärzte und Pfleger des Reviers. Das waren lauter Leute, die auf Grund ihrer Positionen einen zu tiefen Einblick in das Lagerleben bekommen hatten. Nur die Häftlinge, die für den Verwaltungsapparat dringend be­nötigt wurden, hielt man noch zurück.

Von diesen ausgesuchten 400 Mann durfte von mittags 12 Uhr an keiner mehr den Appellplatz verlassen. Nur die wenigsten konnten sich ihre paar Habseligkeiten von anderen Kameraden noch zustecken lassen. Erst in später Abendstunde begann der Abtransport und das Verladen in Güterwagen. Als Reiseziel war Kaldenkirchen , ein Außenkommando von Neuengamme , befohlen. Dies war nun als Auffanglager für weitere Eva­kuierte gedacht. In Hamburg - Eidelstädt wurde unser Zug angehalten und blieb den ganzen Tag liegen. Abends erreichte uns ein Gegenbefehl, in dem als neues Ziel Lübeck angegeben war.

Die Verhältnisse in den engen Waggons wurden nahezu unerträglich. Vor allem machte sich der Mangel an Wasser bemerkbar. Es gab für uns keine Möglichkeit, auch nur einen Tropfen zu organisieren. Die Frage,

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