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Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
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Arbeit setzten sich diese Ärzte für ihre Kameraden ein. Auch bei den Pflegern hatte sich manches gebessert. Durch die Überfüllung des Lagers traten aber für das Revier neue Schwierigkeiten auf. Selbst die Schwerst­kranken mußten zu zweit oder dritt in einem Bett liegen, und mancher Patient erwachte morgens neben einem toten Kameraden in seinem Bett.

Eines der scheinheiligsten Gesetze der NSDAP . war ihr Tierschutz­gesetz. Ein Menschenschutzgesetz zu machen, hatten sie vergessen. Wer erinnert sich nicht mehr der Proteste früherer Tierschutz- und Frauen­vereine, wenn ernsthafte Forscher Kaninchen oder Meerschweinchen für ihre Versuchsarbeiten benützten?

Zur ewigen Schmach und Schande der nationalsozialistischen Ärzte­schaft sei es gesagt, daß sich Vertreter aus ihrem Stande dazu hergaben, gesunde Menschen als Versuchskarnickel zu benützen.

Professor Schilling aus der Stadt Dachau , ein hochbetagter Mann, hatte es sich in den Kopf gesetzt, ein neues Mittel gegen Malaria zu entdecken. Sein spezieller Freund Himmler gab ihm die Erlaubnis, im Dachauer Lager eine Versuchsstation einzurichten und die dortigen Häft­linge als Versuchsobjekte zu gebrauchen.

Dem menschlichen Versuchskarnickel wurden malariaverseuchte Flie­gen auf das Bein gesetzt, um ihn dadurch mit dieser fürchterlichen Tropenkrankheit zu infizieren. Die Folgen traten in Gestalt des bekannten Malariafiebers sehr rasch und heftig auf. Die von Professor Schilling be­nutzten Mittel wurden nun an diesen Menschen ausprobiert. Viele starben dabei. Andere überstanden die Behandlung, ob durch diese Präparate oder trotz derselben, weiß ich nicht. Aber alle hatten noch jahrelang darunter zu leiden.

In der Auswahl der Menschen für seine Zwecke kannte Professor Schilling keine Skrupel. Als erste mußten alle Grünen( Berufsverbrecher), die er für geeignet fand, durch seine Station gehen. Als zweite Gruppe kamen die polnischen Geistlichen an die Reihe. Im letzten Jahr hatte er immer noch das Recht, monatlich 30 Häftlinge nach seinem Belieben auszusuchen. Mehr als anderthalbtausend Menschen gingen so durch diese Versuchsabteilung.

Eine weitere Versuchsstation wurde durch die Luftwaffe unter Leitung des Hauptmanns Dr. Rascher eingerichtet. Es kam ein besonders kon­struierter Spezialwagen zur Aufstellung, in dem eine Unterdruckkammer eingebaut war. Durch Luftentzug wurden darin Verhältnisse geschaffen, wie sie der Flugzeugführer in großen Höhen antrifft. Besondere Instru­mente und ein Fenster ließen die Vorgänge in der Unterdruckkammer überprüfen. Der zu diesem Experiment vorgesehene Häftling setzte sich in dieser Kammer an einen Tisch und mußte zur Überprüfung seines Be­wußtseins und der Wirkung der veränderten Luftverhältnisse eine Zahlen­kolonne von einhundert rückwärts niederschreiben. Nach Eintritt der Be­wußtlosigkeit wurde in der Kammer der normale Luftdruck rasch wieder­hergestellt, um so die Bedingungen des Sturzfluges nachzuahmen. Bei

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