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Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
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Die russischen Kameraden wurden auch stets zu den schwersten und dreckigsten Arbeiten bestimmt. Als Facharbeiter waren sie in der Indu­strie zwar geschätzt, doch fürchtete man sie als Saboteure. Mitte August 1944 wurde ein russischer Fliegeroffizier öffentlich aufgehängt wegen Sabotage in dem Kommando Messerschmitt - Lager.

Die anderen Nationen hatten nicht so viele Opfer zu bringen, doch sind auch hier Legionen zu beklagen.

Vor den politischen Überzeugungstätern stand nun eine neue große Aufgabe. Dem Vernichtungswillen der Nazi gegen alles, was nicht deutsch war, galt es die internationale Solidarität entgegenzustellen. In Tausenden von Fällen ist es trotz alledem auch gelungen, unseren ausländischen Leidensgenossen zu helfen und gar manchen vor dem sicheren Tod zu

retten.

In dieser Zeit, in der sich auf den Schlachtfeldern Europas die Völker zerfleischten, bahnte sich hier eine internationale Gemeinschaft an, die auch über die Dauer des Lageraufenthaltes hinaus seine Auswirkungen haben wird. Alle Versuche der Lagerführung, diese Solidarität zu spren­gen, scheiterte an dem Willen einer starken Gruppe politischer deutscher Funktionäre. Lieber im Lager sterben, als zum Henkersknecht des Faschis­mus zu werden, war die Parole.

Ein Beispiel dieser Art: Der Bauarbeitercapo Karl Wagner aus Stutt­gart- Feuerbach wurde einmal zu 25 Stockhieben verurteilt, weil er eine Meldung seines 4- Kommandoführers gegen einen polnischen Geistlichen nicht weitergegeben und diesen so vor der Strafe geschützt hatte. Ein andermal bekam er in Allach von dem Untersturmführer Jarolin den Be­fehl, einen französischen Häftling zu prügeln. Seine Weigerung brachte ihm aufs neue 25 Stockhiebe und anschließend sechs Wochen Arrest ein. Im Mai 1944 wurde er mit anderen kommunistischen Häftlingen in ein Komplott verwickelt und wegen Begünstigung von Ausländern nach Buchenwald strafversetzt.

Ich will nicht verschweigen, daß es auch andere Capos gab, die nicht mehr den Mut und die Energie aufbrachten, die verbrecherischen Befehle der-Vorgesetzten zu hintergehen und damit ihre eigene Gesundheit und das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Diese Charakterschwäche zeigten Häftlinge aus allen Gesellschaftsschichten und allen Nationen. Dieser Krankheit verfielen alle, die ihre Weltanschauung und ihre Ideale, für die sie einst ins K.Z. kamen, begruben und an den Sieg des Nationalsozialis­mus glaubten.

So kam es, daß ein Capo sich rühmte 100 Juden niedergeschlagen und in den Tod getrieben zu haben. Oder ein anderer, der sich dazu verleiten ließ, für die Interessen der BMW Allach und der Baufirma Dykerhoff in dem Arbeitskommando Allach mit Prügel und viel Geschrei das Arbeits­tempo derart steigerte, daß fast jede Woche 50-100 Häftlinge krank und abgearbeitet ins Lager zurückkamen und durch andere gesunde ersetzt werden mußten.

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