Druckschrift 
Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
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gesprochene Vernichtungslager. Gefürchtet waren auch die neuen, noch im Aufbau begriffenen Lager. Hier fehlte es an allem. Von der Unter­bringung angefangen bis zur Kleidung und dem Essen war alles knapp.

Aber auch ohne ersichtlichen Grund wurden große Transporte zu­sammengestellt. Ununterbrochen rollten die Züge von Norden nach Süden und von Süden nach Norden. Transportschwierigkeiten gab es für die 44 nicht. Nur ein Beispiel sei genannt. Im Jahre 1944 bekam Dachau einen großen Transport mit Juden von Riga . 14 Tage darauf wurden dieselben nach Auschwitz in Schlesien verfrachtet.

Scheint das nicht planlos? O nein! Eine würdige Schar von Partei­genossen und Heimkrieger erwarben sich auf diese Art das Kriegsver­dienstkreuz und bewirkten ihre weitere uk- Stellung. Den ,, Heldentod für Führer, Volk und Vaterland" überließ man gerne anderen.

Diese Transporte wurden unter den schlimmsten Bedingungen aus­geführt. 60 bis 100 Häftlinge kamen in einen Waggon. Um die Bewachung zu erleichtern, wurden die Türen oft zugenagelt. Für die Notdurft war günstigenfalls ein alter Marmeladeeimer bereitgestellt. Die Transport­verpflegung war so knapp bemessen, daß bei dem ständigen Hunger viele vor dem Besteigen des Waggons alles aufgegessen hatten. Wasser gab es nie. Die Verhältnisse in einem solchen Waggon gestalteten sich in wenigen Stunden so unmenschlich, daß ein Unbeteiligter sich dies kaum vorstellen kann. Der Gestank, der Mangel an Sauerstoff, die Unmöglich­keit, sich richtig zu setzen oder zu legen, Hunger und Durst brachten die Menschen zum Wahnsinn oder in den Tod. Es würde zu weit führen, alle begangenen Verbrechen dieser Art aufzuzählen; ich begnüge mich mit diesen wenigen Beispielen.

In den Jahren 1941-1943 wurde Dachau zum Invalidenlager für alle Konzentrationslager erklärt. Von überall kamen die ausgemergelten und ausgehungerten Elendsgestalten zu uns, um hier zu sterben oder nach der Genesung wieder dem Moloch der Sklavenarbeit in den Rachen geworfen zu werden. So kam am 19. November 1942 ein Transport aus dem Lager Stutthof bei Danzig . Es waren ungefähr 1000 Mann. Sechs Tage und sechs Nächte waren diese Kameraden in ihren Waggons eingeschlossen ge­wesen. Niemand hatte sich um sie gekümmert. Daß von diesen kranken Menschen viele den Strapazen eines solchen Transportes erliegen mußten, daran waren wir gewöhnt. Aber was wir hier erlebten, war selbst für unsere abgestumpften Nerven zuviel. Hätte ich es nicht selbst mit eigenen Augen gesehen, ich würde es nie glauben.

Zum Wahnsinn getriebene Menschen, bar jeder Vernunft und Zurech­nungsfähigkeit, waren dem Kannibalismus verfallen. Drei Häftlinge waren von ihren miteingesperrten Kameraden angefressen worden. Dem einen fehlte am linken Oberschenkel das Fleisch bis auf die Knochen, dem zweiten am rechten Oberarm und dem dritten war der Geschlechtsteil abgebissen. Völlig entmenschte 4- Leute brachten es fertig, darüber noch ihre Glossen zu reißen.

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