Druckschrift 
Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
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Entlassung erfolgt, wenn Kommißbrot Kuchen wird. Wißt ihr, wann das wird? Nie! Deswegen könnt ihr auch nie entlassen werden."

Als ,, Rückfälliger", der es gewagt hatte, ein zweitesmal gegen den nationalsozialistischen Stachel zu löcken, kam ich sofort in die Straf­kompagnie und mußte folgenden Brief nach Hause schreiben: ,, Da ich mich wiederholt gegen Volk und Staat vergangen habe, unterliege ich den verschärften Schutzhaftbestimmungen und kann im Vierteljahr nur einen Brief empfangen und absenden." Dies war die einzige Nachricht, die in den ersten drei Monaten aus dem Lager nach Hause ging.

Nach den einsamen Jahren der Gefängniszelle und der Abgeschieden­heit im Moor lernte ich wieder die Bedeutung der Solidarität kennen. Ich fand hier nicht nur gute Kameraden, sondern auch einen von ihnen gedeckten Tisch. Ich war wieder Mitglied einer Gemeinschaft, einer Ge­meinschaft, die mithalf, die Schrecken der Konzentrationslager zu über­stehen, und den Glauben an eine bessere Zukunft nicht untergehen ließ. Ich lernte aber auch andere Menschen kennen, denen wir als Kommu­nisten vielleicht ohne diese Schule nur schwer nähergekommen wären. Schon an meinem zweiten Arbeitstag war ich mit einem Kumpel ver­bunden, der mir in all diesen schweren Jahren ein guter Kamerad blieb. Der Generalvikar Franz Ohnmacht aus Linz war es, mit dem ich hier in ein Verhältnis kam wie nur selten mit einem Menschen. Aber es waren noch viele andere da, die wert wären, hier genannt zu werden. Wenn die Arbeiter, und unter ihnen die Kommunisten, auch den größten Prozentsatz der Häftlinge stellten, so gab es doch keine Bevölkerungsschicht und keine politische Richtung, die nicht vertreten gewesen wäre. Vom Bettler der Landstraße, dem Arbeiter, Bauern, Handwerker, Künstler und Geistlichen bis zu den Herzögen und Fürsten war alles vertreten. Kinder von acht Jahren und achtzigjährige Greise mußten dieses Los mit uns teilen.

Das Leben, das vor uns lag, war hart und grausam. Die jungen 44­Männer des Totenkopfverbandes betrachteten uns nicht nur als Staats­verbrecher, die es auszurotten galt, sondern auch als ein beliebtes ,, Spiel­zeug ". Wie die Katze mit der todwunden Maus spielt, so hatten auch sie ihre Freude an unserer Qual. Trost- und aussichtslos schien unsere Lage in jener Zeit. Als ,, verlorener Haufen" standen wir einem unerbittlichen Feind gegenüber, und oft wollte in uns die Meinung aufkommen, unsere Heimat und die ganze Welt habe uns vergessen, alles beuge sich diesem Tyrannen.

Ein Raubzug nach dem anderen, eine Vergewaltigung nach der anderen gelang diesen Gangstern, und es schien in unserer Abgeschlossenheit, als gäbe es auf der ganzen Welt keine organisierte Kraft, die diesem Moloch Einhalt gebieten könnte. Nur der unerschütterliche Glaube an die Mensch­heit und das Wissen um eine bessere Zukunft halfen über diese trostlose Zeit hinweg.

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