Druckschrift 
Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
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weiten Flächen einen bis anderthalb Meter tief umgegraben. Das unfrucht­bare Moor kam nach unten und der anbaufähige Sandboden nach oben, um so ertragfähiges Land zu gewinnen.

Diese an und für sich nutzbringende Kulturarbeit hätte unter anderen Bedingungen zum Segen des Landes werden können, so aber wurde sie zum Fluch der dahin Verbannten. Auch die Naziführung hatte dies be­griffen. Niemals wurde in der Öffentlichkeit von dieser Sklavenarbeit be­richtet. Vielmehr versuchte man hier, auf billige Art für den Arbeitsdienst unverdiente Lorbeeren zu ernten. Längst nachdem im Moor kein Ar­beitsdienstmann mehr zu sehen war, berichtete die Presse immer noch von der ,, wertvollen Kulturarbeit des Arbeitsdienstes" im Emsländer Moor.

Was jeder kriminelle Strafgefangene dem politischen Häftling voraus hatte, ist der bestimmte Tag der Entlassung. Dieses Bewußtsein läßt jede Härte leichter ertragen. Der politisch Verurteilte hatte diese Erleichterung nicht. Das Damoklesschwert des Konzentrationslagers schwebte immer sichtbar vor Augen. Je näher der Entlassungstag heranrückte, desto öfter wurde diese Frage unter Kameraden besprochen. Auch die Angehörigen zu Hause wurden von dieser Unsicherheit gepeinigt.

Nun kam der Tag der Entlassung. Ohne vorherige Verständigung wurde ich beim Passieren des Lagertores zurückgehalten und mit der Erklärung in das Gefängnis nach Papenburg eingeliefert, daß ich nach Stuttgart überführt werde, um nach einer Belehrung durch die Stuttgarter Polizei entlassen zu werden.

Strafkompanie Dachau

Nach einer 14tägigen Fahrt mit dem Gefangenenwagen durch Deutsch­ land kam ich in meiner Heimatstadt an, wurde aber ohne jedes weitere Verhör nach Welzheim weiterverschickt. Hier geschah ebenfalls nichts zur Untersuchung meiner Angelegenheit. Eines Tages wurde ich vor den Kommandanten Buck geführt. Dieser eröffnete mir einen Schutzhaftbefehl, unterschrieben von dem 44- Führer Heydrich . Tags darauf ging es wieder auf Transport nach dem berüchtigten Dachau .

,, Wer durch diese Pforte tritt, laß jede Hoffnung fahren!" Diese Worte Dantes, die er über den Eingang seiner Hölle setzt, hätten in ehernen Lettern über dem Eingangstor von Dachau stehen müssen. Doch wie zum Hohn stand hier geschrieben: ,, Arbeit macht frei!"

Schon in der ersten Stunde wurde jedem Neuzugang zum Bewußtsein gebracht, daß es sich hier nicht darum handelte, die politischen Gegner umzuschulen, sondern um sie zu vernichten. Die Begrüßung und Be­lehrung des Lagerführers war kurz und überzeugend: Na, ihr Scheiß­vögel, was habt ihr ausgefressen, daß ihr verhaftet worden seid?... Eure

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