So kam ich im Januar 1936 wieder in das Stuttgarter Untersuchungsgefängnis, das allen Stuttgartern unter dem Namen ,, Langer Bau" bekannt ist. Diese Bezeichnung entstand nicht, weil der Bau besonders lang ist, sondern weil es in der Regel lange dauert, bis man ihn wieder verlassen kann. Bei uns währte die Untersuchungshaft nahezu zwei Jahre. Die raffiniertesten und brutalsten Methoden der Gestapo brachten es fertig, Hunderte aktive Antifaschisten auf die Anklagebank zu bringen. Willfährige Richter, die ihr Urteil nicht nach Recht oder Unrecht bildeten, sondern nach dem Befehl der allmächtigen Partei und der Gestapo ausrichteten, verhängten Hunderte von Jahren an Gefängnis und Zuchthaus . Nicht genug damit, daß die Angeklagten nach den drakonischsten Gesetzen, die je geschaffen wurden, verurteilt waren, nein, darüber hinaus wurden sie nach ihrer Strafverbüßung nicht entlassen, sondern anschließend in Schutzhaft genommen und in ein Konzentrationslager eingeliefert. Das Bild in meiner eigenen Gerichtsverhandlung veranschaulichte diese Justizkomödie besonders drastisch. Vor uns Angeklagten war in würdevoller Aufmachung der Gerichtshof aufgebaut. Hinter uns saß im großen Zuhörerraum ein kleiner Vertreter der Gestapo . Vor ihm zitterten und beugten sich die gelahrten Herren, und der kleine Mann revidierte ihr Urteil durch einen kleinen roten Schutzhaftbefehl. Die älteste Naziparole:„ Köpfe müssen rollen!" wurde von diesen ,, Rechtswahrern" in die Praxis umgesetzt.
Die Moorsoldaten
Als Strafgefangener kam ich ins Emsländer Moor. Eine öde Landschaft, die sich entlang der holländischen Grenze kilometerlang dahinzieht, sollte ursprünglich vom Arbeitsdienst kultiviert werden. Die Arbeit in dieser trostlosen, ungesunden Gegend kam unter dieser Führung nur schlecht vorwärts. Sehr bald verließ man den nationalsozialistischen Herrenstandpunkt, nach dem ein ,, Zuchthäusler" nicht würdig sei, deutschen Boden zu bearbeiten, und holte sich aus allen Strafanstalten die notwendigen Arbeitssklaven. In 15 Lagern, über das ganze Gebiet verstreut, wurden sie untergebracht und von 4½- und SA.- Männern bewacht.
Bei mangelhafter Kleidung und Unterkunft zogen die Moorsoldaten bei jeder Witterung hinaus, um die schwere und mühevolle Arbeit der Moorkultivierung durchzuführen. In dem ewigen Regen des Emslandes kamen sie durchnäßt und mit Dreck überzogen abends müde nach Hause, um am anderen Tage wieder in die feuchten Kleider zu schlüpfen, zu neuer Arbeit und neuer Qual.
Zivilangestellte, die als Meister( im Emsland Kneiske genannt) die Arbeiten leiteten, waren die Antreiber, so wie sie von ihrem Auftraggebern gewünscht wurden. Überall wurden unter ihrem Kommando durch das öde Moor tiefe Wassergräben gezogen, neue Straßen gebaut und die
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