Druckschrift 
Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
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Der Kampf im Dritten Reich

Daß die nationalsozialistischen Führer geglaubt haben, durch ihre Methoden innerhalb oder außerhalb des Lagers einen Antifaschisten von seiner Überzeugung abzubringen, scheint mir nicht denkbar. Vielmehr bauten sie auf die Wirkung des Terrors. Sie hatten damit leider auch einige Erfolge. Namhafte Politiker der Weimarer Republik beugten sich ihrem Diktat, gaben Loyalitätserklärungen ab oder gaben den ganzen Machtapparat der Republik an die SA. ab mit der billigen Bemerkung: ,, Ich weiche nur der Gewalt!" Sie zogen sich völlig aus dem öffentlichen Leben zurück. Still und bescheiden lebten sie nun von ihren Pensionen oder gingen ihrem Berufe nach und überließen das deutsche Volk seinem Schicksal.

Andere, die diese Gefahr schon vor 1933 gesehen hatten und davor warnten, sahen, daß Deutschland durch die Faschisten immer rascher der Katastrophe eines imperialistischen Raubkrieges entgegentrieb. Kein Ge­fängnis und kein Konzentrationslager konnte sie von ihrer Pflicht ab­halten, die warnende Stimme immer wieder zu erheben, um unsere Heimat vor dem Schlimmsten zu bewahren.

Aber es waren zu wenige, die diesen Opfermut aufbrachten. Ihre Stimme wurde nicht genug gehört weder im Inland noch im Ausland. Der Machtapparat der Gestapo war schon zu stark. Das Versäumnis von 1932 ließ sich nicht mehr gutmachen.

Im Sommer 1935 schien für die Gestapo die Zeit gekommen, um in einer neuen Verhaftungswelle den letzten Widerstand im deutschen Volke zu brechen und die Bahn für das geplante Kriegsabenteuer frei zu machen. Hunderte von Kommunisten wurden damals in Württemberg verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Durch Zuchthaus und Todesurteile hoffte man endlich jede freiheitliche Regung vernichten zu können. Bei dieser Aktion wurde ich am 5. Dezember 1935 verhaftet und kam zum zweitenmal unter die Fuchtel des berüchtigten Kommandanten Buck. In dem Gestapo­gefängnis in Welzheim glaubte man den richtigen Ort gefunden zu haben, um die erwünschten Geständnisse zu erpressen. In völlig licht- und luft­losen Zellen, die entweder überheizt wurden oder eisig kalt blieben, sollte jeder eigene Willen gebrochen werden. Zum Essen wurde gerade so viel gereicht, daß die Untersuchungsgefangenen nicht Hungers starben. Krimi­nalsekretär Mauch, der unsere Untersuchung führte, ließ kein Mittel un­benutzt, um die erwünschten Aussagen zu bekommen. Doch nur selten ist es ihm gelungen. Es war im Dritten Reich aber auch gar nicht mehr notwendig, daß man einen Angeklagten seiner Tat überführte. Dazu hatte man den berüchtigten Annahmeparagraphen geschaffen. Es genügte voll­auf, wenn der Herr Kriminalsekretär annahm, daß ein Staatsbürger sich staatsfeindlich betätige, um den ganzen Kriminal- und Justizapparat ins Laufen zu bringen, damit der unliebsame Störer ihrer ,, Ruhe und Ordnung" zum Schweigen verdammt wurde.

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