angekleidet, einige sogar im Hemd, in die kalte Winternacht gejagt und in das eigentliche Fort zurückgetrieben. In den unterirdischen Kasematten dieser Feste mußten wir nun unser Leben verbringen. Die Räume waren alle feucht und kalt. Nur eine kleine Schießscharte gewährte Luft und Licht Zutritt. Der Boden war festgestampfter Lehm; bei längerer Regenzeit sickerte das Wasser durch die Decke, und unsere Räume verwandelten sich in einen Morast. Blieb der Regen aus, so gab es weder Trink- noch Waschwasser. Eine nutzbringende Beschäftigung konnte für uns nicht aufgebracht werden. Die Putz- und Flickstunde sorgte aber für eine dauernde Betätigung. Stundenlang mußte der halbverrostete Eẞnapf gefummelt werden, bis auch die letzte Stelle blankgerieben war. Oder es gab endlose Kleiderappelle, bei der immer ein Teil als unvorschriftsmäßig befunden wurde. Ein Sonntag ist mir noch in Erinnerung, da mußten wir siebenmal zum Kleiderappell antreten, und jedesmal dauerte er mindestens eine Stunde. Nur die hereinbrechende Nacht bewahrte uns an diesem Tag vor weiteren Schikanen.
Die einzige Arbeit, die etwas Sinn hatte, war der Wegebau. Diese Wege waren zwar alle unnötig, aber diese Arbeit war uns doch angenehmer wie die verhaẞte Putz- und Flickstunde. Material zu einem Straßenbau gab es natürlich nicht. In Kolonnen zu acht Mann mit je zwei Posten wurden wir ausgesandt, um die nötigen Steine zu suchen. Dann wurde ein kleiner Wald durchgekämmt. Aber der Ertrag dieser Aktionen war sehr spärlich. Doch der Kommandant Buck schickte seine Posten mit uns immer wieder in die verschneite Winterlandschaft nach neuen Steinen. Wehe der Kolonne, die es gewagt hätte, leer zurückzukommen! Da aber absolut nichts mehr zu finden war, wurden wir zum staatlich sanktionierten Raub ausgeschickt. Markierungssteine wurden ausgerissen und zerschlagen. Einem Bauer, der zum Ausbau seines Feldweges Schottersteine angefahren hatte, wurde der größte Teil weggetragen. Angeblich überflüssige Mauern wurden niedergerissen und die Steine verwertet.
Am Pfingstsamstag 1934 geschah das Unerwartete: Mit etwa 50 Kameraden wurde ich entlassen. Vor dem Fort mußten wir noch einmal antreten, damit Buck uns einen Revers vorlesen konnte, in dem uns zur Pflicht gemacht wurde, über alle Vorkommnisse im Lager zu schweigen, andernfalls wir einer schweren Bestrafung entgegengehen würden. Ohne ihn zu lesen, wurde der Name daruntergesetzt. Mit einem Polizeiauto kamen die Stuttgarter in einer schönen Fahrt über Geislingen nach Hause. Das Gefühl eines Heimkehrenden aus diesen unwürdigen Verhältnissen läßt sich schwer schildern. In meiner eigenen Wohnung, bei meiner Mutter war ich fremd geworden. Das Leben in einer sauberen hellen Wohnung war nach dem Aufenthalt in den dunklen, dreckigen Kasematten ungewohnt. Es konnte aber auch nie das Gefühl einer wirklichen Freiheit aufkommen. Der Arm der Gestapo hatte uns keineswegs freigelassen. Täglich mußten wir uns auf der Polizeiwache melden, und nie war man gewiß, ob man wieder nach Hause kam oder dort festgehalten würde.
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