Druckschrift 
Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
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daß ich Jahre Gefängnis zu verbüßen hatte und daß am 24. Dezember 1933 mein Entlassungstag war.

Jeder Gefangene wartet mit Sehnsucht auf die Stunde seiner Freiheit. Zuerst zählt man die Monate, dann die Wochen und zum Schluß die Tage, bis zu dem Zeitpunkt, wo man wieder als Mensch unter Menschen leben kann. Von diesem Fieber bleibt niemand verschont.

Zwei Tage vor meiner Entlassung, am 22. Dezember 1933, zu einer ungewohnten Tageszeit öffnete sich meine Zellentür, und der eintretende Beamte eröffnete mir: ,, Auf Grund Ihres politischen Vorlebens besteht die Befürchtung, daß Sie sich nach Ihrer Entlassung erneut in staatsfeind­licher Richtung betätigen und damit die Sicherheit von Volk und Staat gefährden. Die Geheime Staatspolizei in Stuttgart verhängte deshalb über Sie die Schutzhaft."

Gnädig wurde mir noch erlaubt, meiner Frau davon Mitteilung zu machen. An Stelle eines frohen Wiedersehens erhielt sie nun diese traurige Botschaft. Während ich nach Verbüßung meiner Strafe am 24. Dezember gefesselt durch die Straßen von Ulm nach dem oberen Kuhberg geführt wurde, läuteten überall die Glocken zum friedlichen Weihnachtsfest. Für uns und unsere Familien gab es in diesem Jahr keine frohen Stunden, keine glücklichen Feiertage, keine gnadenbringende Weihnachtszeit. Für uns gab es nur Tränen und Blut. Erbarmungslos setzte die 4 und die SA. ihre Macht als Sieger den Besiegten gegenüber ein.

Auf dem Kuhberg

Mit finsterem Blick wurde ich von dem Kommandanten Buck empfan­gen und als Zugang" in die Aufnahmestufe geschickt. Das ganze Lager war untergebracht in den feuchten Kasematten des Forts Kuhberg. Die Neuzugänge kamen in ein Außenwerk, von den Häftlingen ,, Panzerkreuzer" getauft. Dieser Panzerkreuzer war ein einziger, in die Erde eingelassener Betonklotz und zu einem längeren menschlichen Aufenthalt unmöglich. Aber danach wurde im Dritten Reich nicht gefragt.

Neuzugänge waren für die SA. auf dem Kuhberg immer die Zielscheiben ihrer Attacken. So ging es auch mir mit einigen anderen Kameraden in den Weihnachtstagen 1933. Ohne eine Minute Ruhe ging es im Eiltempo von früh bis spät mit Wassertragen, Essentragen, Saubermachen und vor allem Exerzieren. Dazu kamen die kleinlichen Schikanen, denen man sowohl während des Arbeitsdienstes, als auch beim Aufenthalt in den Bunkern unmittelbar ausgesetzt war.

In der Neujahrsnacht gelang es einem Kameraden, seine Freiheit durch die Flucht zu erreichen. Mit einem tierischen Gebrüll stürzten sich die Wachleute nach der Entdeckung dieser Flucht auf die zurückgebliebenen Häftlinge. Mit Gewehrkolben und dem Gummiknüppel wurden wir halb­

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