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Aber nach Möglichkeit umging man es ganz, weil es einem passieren konnte, daß man, auf dem Wege zur Waschbaracke aufgegriffen und zum Leichentransport herangezogen wurde. Dazu fehlte einem einfach die Kraft und außerdem war die Luft in der Nähe des Krematoriums uner- träglich.
Nur sechs Wochen verbrachten wir in Groß-Rosen. Aber sie ge- nügten uns. Länger hätten wir dieses Lager gewiß nicht mehr überlebt. Eines Tages gingen auch hier Gerüchte um, daß der Feind sich nähere. Der Evakuierungsbefehl ließ nicht mehr lange auf sich warten. Eines Tages trafen die Leute aus Auschwitz und anderen Lägern ein, die eben- falls nach Westen transportiert werden sollten. Wir trafen hier auch Frauen, die wieder für sich untergebracht waren, und konnten ihnen beim Vorbeimarschieren unsere Wünsche auf baldige Freiheit zurufen.
Als wir aufbrechen sollten, erhielten wir als Marschverpflegung s/a kg Brot und 50 g Wurst. Plötzlich kam wieder eine unerklärliche Kraft und eine ungeheure Freude über uns. Ich weiß nicht, woher uns das so plötzlich überkam. Die Rationen verschlangen wir natürlich so- fort. Dann ging es zum Bahnhof und wir wurden zu je 80 Mann in einem Wagen ins Innere Deutschlands gefahren.
Sechs Tage und sechs Nächte fuhren wir; durch zertrümmerte Städte und an Tausenden von Ruinen vorbei, vielfach kamen uns Züge mit deutschen Soldaten aller Waffengattungen entgegen. In Erfurt er- fuhren wir, daß wir nach Buchenwald kommen sollten. Buchenwald war ein Begriff für Deutschland wie für das Ausland. Nicht weit entfernt lag Weimar , die Stadt, in der die deutsche Republik einst geboren wurde. Hier hatte der deutsche Dichter Goethe seine Stimme für die menschlichen Werte der Wahrheit und Liebe erhoben. Trotz meinkr unglücklichen Si- tuation ließen mich meine Gedanken für kurze Augenblicke in eine glück- liche, längst vergangene Zeit in Deutschland zurückversinken, eine Zeit der menschlichen Eintracht, erfüllt mit großen Ideen und geistigen Taten.
Als die Wagen entladen wurden, sanken wieder viele Leidens- genossen zur Erde nieder, die hier von zahllosen Bombentrichtern aufge- rissen war. Der Bahnhof bot einen grauenvollen Anblick, die Gleise ragten wie:zu einer stummen, erschütternden Anklage in den Himmel. Zu einer Anklage für all das Schweigen zu den begangenen Untaten.
In Weimar erlebten wir zum erstenmal Angriffe der alliierten Luft- waffe. Als die Bomben fielen, liefen unsere Posten davon und suchten in den Unterständen Schutz. Viele der Häftlinge wünschten sich eine
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