übermüdeten Augen.„Vorwärts, vorwärts!“ schrie es von hinten und von vorne und von allen Seiten. Eine Musikkapelle erwartet uns am Lagereingang. Mützen ab!
Wir stehen auf einmal inmitten einer der fürchterlichsten Höllen des schönen schlesischen Landes, wo der Dichter Gerhard Hauptmann seine Werke schrieb, seine„Weber“, die dem Kampf für Freiheit und Ge- rechtigkeit galten!
Unsere Nerven waren bis zum Zerreißen angespannt. Die einge- sesseneny Häftlinge des Lagers riefen uns zu:„Gebt uns Euer Brot und Eure Wertsachen. Ihr kommt ja doch bald in den Ofen.“ Damit Ihr dem lieben Gott ohne Gold und ohne Sünden übergeben werden könnt, be- kommt Ihr vorher alles abgenommen. Gebt lieber uns, was Ihr noch habt!“
Wir gaben ihnen! dennoch nichts, denn wir hatten nichts mehr zu geben als unsere zerschlagenen, müden Knochen. Es war ja alles gleich. Nur schnell sterben, Furcht konnte uns nicht mehr schrecken. Aber wir wurden zuerst doch noch entlaust, bekamen dann noch verlaustere und ältere Klamotten zurück als unsere alten, und, sonderbar, sonst tat man uns nichts. Man prügelte uns sogar nicht einmal. Immer 2000 von uns mußten eine Baracke beziehen, die nicht viel größer war als eine von denen, in denen wir in Fünfteichen zu 300 Mann gehaust hatten. Unter- einander wurde sich um ein kleines Stückchen Platz geprügelt. Das Jammern hatte kein Ende.
Es fällt mir schwer, alles zu erzählen, was Groß-Rosen uns bot. Bald ging die gewohnte Quälerei wieder los. Wenn wir in die Baracken abtreten durften, mußten wir auf allen Vieren kriechen. Die Baracken waren auf einem Berg gelegen und beim mühseligen: Aufstieg blieben wir dauernd mit den Pantinen im zähen Lehm stecken. Manchem gingen dabei die Kräfte aus, doch niemand besaß selbst noch genügend Kräfte, um einem Sterbenden helfen zu können. Man beneidete höchstens den, der schon soweit war. Hier bekam niemand mehr eine Gnadenkugel. Jeder verreckte für sich allein im Schlamm.
Mittagessen gab es mitten in. der Nacht. Das heißt, es gab es nur für solche, die noch Kraft genug hatten, sich bis zur Küche durchzuschla- gen. Wer zu spät kam, mußte abermals 24 Stunden auf ein warmes Essen warten. Neben diesem warmen Essen, das gegen zwei:Uhr nachts ausgegeben wurde, bekamen wir Brot und sogar einen Löffel Marmelade, Bei den Appellen mußten wir mitunter drei bis vier Stunden stehen, bis es diesen Geisteshelden. gelang, unsere Anzahl festzustellen und zusam- menzurechnen. Alle acht bis vierzehn Tage konnten wir uns waschen.
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