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Unter dem gelben Stern : ein Tatsachenbericht aus der Zeit von 1933 bis 1945 / von Abraham Hochhäuser
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Wer aber hoffte, so auf der guten, kalten Erde seine Seele aushauchen zu können, hatte sich noch ein letztes Mal bitter getäuscht. Der Todesengel erschien bei ihm in SS-Uniform und: gab ihm eine Gnadenkugel. Dressierte Hunde zerrten den Leichnam dann von der Fahrbahn, damit die toten Körper kein Verkehrshindernis für die Späterkommenden bildeten. Das Blut der Umgebrachten hinterließ auf unserem Wege eine rote Spur.

Vier Tage marschierten wir. Ein einziges Mal auf diesem ganzen Marsch erhielten wir ein Kilogramm Brot als Proviant. Den Durst muß- ten wir mit frischgefallenem Schnee löschen. Wer aus der Reihe ging, um rasch ein paar Schlucke aus einem Dorfbach zu schlürfen, wurde auf der Stelle von den aufmerksamen! Posten niedergeschossen.

Wohin führte unser Weg? Wir hatten keine Ahnung, wohin man uns zu bringen gedachte. Bis wir auf einmal an einer Wegkreuzung ein Schild erblickten:Nach Groß-Rosen 22 km. Nun wußten wir Bescheid. Die traurige Berühmtheit dieses Lagers mit seinen Verbrennungsöfen war bis zu uns nach Fünfteichen gedrungen. Bereits ehe wir dort an- kamen: war unsere Kolonne merklich zusammengeschrumpft. Von 5.000 waren wir auf 4000 und schließlich auf 3000 Häftlinge zusammengeschmol- zen. Nun ging es bergauf dem Glatzer Bergland zu und bald sahen wir vor uns das Schild mit dem schrecklichen Namen: Konzentrationslager Groß-Rosen .

Auf einem großen Schneefeld vor den Toren des Lagers durften wir Rast machen. Anscheinend hatte man den Ehrgeiz plötzlich, uns in eini- germaßen ordentlicher Verfassung im Lager abzuliefern. Nach einiger Zeit wurde dann wieder Antreten befohlen und diejenigen, die sich noch weiterschleppen konnten, standen auf und formierten sich zum Einmarsch ins Lager. Viele blieben auch hier entkräftet im Schnee liegen, bis ihnen dann der Garaus gemacht wurde.

Die Baracken dieses Lagers waren aus Steinquadern zusammen- gesetzt, ein Zeichen, daß es auch hier in der Nähe einen Steinbruch gab, der sich bisher ja immer sehr gut bewährt hatte, um Menschen ins Jen- seits zu befördern. Dem Lager ging der Ruf voraus, daß von hier aus fast niemand lebendig die Freiheit wiedergesehen hatte. Jeder von uns stellte sich nun die bange Frage, ob dies auch für-ihn die letzte irdische Station sein werde. Wir hatten aber doch noch die unsinnige Hoffnung in uns, daß die Größe der Tragödie den Himmel selbst aus seiner Ruhe aufstöre, daß doch irgendein Wunder geschehen werde, das uns retten könnte.

Die riesigen Scheinwerfer des Lagers empfingen uns mit ihren viel- tausendkerzigen Lichtbränden und bohrten sich wie Feuer in unsere

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