Druckschrift 
Unter dem gelben Stern : ein Tatsachenbericht aus der Zeit von 1933 bis 1945 / von Abraham Hochhäuser
Entstehung
Seite
36
Einzelbild herunterladen

Vom Arbeitslager ins K.Z.

Dem Judenältesten Baruch Meister gelang es im letzten Augenblick, aus dem Arbeitslager Markstädt in ein anderes Lager versetzt zu werden. Er hatte die hohen Herren bestochen und entging auf solche Weise zu- sammen mit 50 Auserwählten dem K.Z.

Nachdem Meister uns dem Schicksal überlassen hatte, trat Fonie an seine Stelle und herrschte über uns nach seinen Methoden. Die Folge davon war, daß es täglich unerträglicher wurde. Bald funktionierte auch die Küche nicht mehr, und es kam vor, daß wir tagelang kein warmes Essen mehr bekamen. Die Sterblichkeit stieg rapid an, und wie wir hör- ten, hatten auch die jüdischen Frauen, die getrennt von uns untergebracht waren, Fürchterliches durchzumachen.

Alle vierzehn Tage fanden Selektionlen statt, nach denen mancher Kranke und allzu Schwache seinen letzten Weg antreten mußte; aus den Ghettos waren keine Menschen mehr zu verbrennen, und die Öfen woll- ten ihre Opfer.

In der letzten Frist, die uns vor dem K.Z. noch im Arbeitslager blieb, machte mancher seinem Leben freiwillig ein Ende. Andere versuch- ten, zu entfliehen, sie wurden indessen fast ohne Ausnahme wieder ein- gefangen und wie tolle Hunde totgeschlagen. So kosteten die letzten Wochen in Markstädt noch vielen das Leben. Vor der Überführung ins K.Z. vernichteten wir alle Zivilsachen , die wir noch besaßen, weil wir wußten, daß wir im K.Z. doch alles abgeben mußten.

Nur mit dem Nötigsten bekleidet, verließen wir unter schwerer Be- deckung durch die SS das Lager und traten unseren Weg nach Fünftei- chen an, wo das neue K. Z. errichtet war.

Konzentrationslager Fünfteichen

Herbst 1943

Der Herbst hielt seinen Einzug, und schwere Gewitter zogen über das Land. Peitschende Regengüsse durchnäßten die verfaulten und ver- wanzten Baracken.

Am Morgen des 22. November 1943 kam ein SS-Sturm ins Lager Markstädt. Während ein schweres Schneegestöber über das Land fegte, mußten wir alle auf dem großen Appellplatz antreten und uns vollstän- dig nackt den SS -Leuten präsentieren. Wir waren etwa 3 000.Mann. An- schließend mußten wir wieder in die Baracken zurück, wo eine Unter- suchung im Einzelnen erfolgte. Jeder mußte einen: Lauf um das Lager

36