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Unter dem gelben Stern : ein Tatsachenbericht aus der Zeit von 1933 bis 1945 / von Abraham Hochhäuser
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Küche geführt wurde und erfüllte damit vielen frommen Juden des La­gers einen großen Wunsch. Zu Purim wurde in vielen Stuben die Me­gilla, die Erzählung über den Inhalt des Purimfestes, vorgelesen.

Auch hier wurden die Verstorbenen laufend durch neue Transporte, die von der Gestapo - Zentrale Sosnowitz zusammengestellt waren, ersetzt. Die neu ins Lager Kommenden brachten entsetzliche Nachrichten von zu Hause mit. Sie erzählten, daß unsere Daheimgebliebenen nach und nach alle in den Gasöfen geendet seien. Dennoch gab man die Hoffnung im Herzen noch nicht ganz auf. Bevor wir erfuhren, daß am 22. August 1943 der letzte Transport vom Sosnowitzer Ghetto nach Auschwitz abgegangen war, lief noch einmal eine vermeintliche Freudenbotschaft durch unser Lager, die sich aber nur zu bald als Phantasiegebilde herausstellte. Es. hieẞ nämlich, die Hitlerregierung habe die Judenvernichtung eingestellt. Die Unglücklichen wurden von einem wahren Freudentaumel ergriffen, und es waren nur wenige, die sich nicht davon mitreißen ließen.

In dieser Nacht lag ich in tiefer Trauer schlaflos auf meiner Prit­sche. Ich wußte aus meinen eigenen Erfahrungen, daß es seit der Herr­schaft Hitlers nicht ein einziges Versprechen gegeben hatte, das man für bare Münze nehmen konnte. Hatte es nicht, als wir zuerst nach Deutsch­ land deportiert wurden, geheißen, es sei nur für sechs Wochen, und waren daraus inzwischen nicht schon beinahe drei Jahre geworden? So war es mit allem, es gab einfach kein Entkommen aus den Krallen der unmensch­lichen Machthaber.

Das dumpfe Gefühl einer bösen Ahnung in mir war leider nur zu berechtigt am 31. August 1943 wurde der letzte Rest der Einwohner des Sosnowitzer Ghettos in Auschwitz verbrannt. Damit war alle Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den Meinen ausgelöscht. Das einzige, was einem zu tun blieb, war dem unerbittlichen Zwang zur Arbeit zu folgen.

Inzwischen hatte man unserem Lager gegenüber ein Konzentra­tionslager eingerichtet, und mit der ,, Freiheit", die wir bis jetzt genossen hatten, war es nun zu Ende. Wieder ging ein Gerücht bei uns um, der Krieg gehe seinem Ende zu. Aber es war wieder eine Täuschung, die Ausgeburt eines verzweifelten Gehirns vielleicht, die uns genarrt und für ein paar Stunden in einen Taumel des Glücks versetzte. Wir erwachten in diesem Frühling noch einmal zu neuem Leben, feierten am anderen Ende des Lagers, Abessinien genannt, ein kleines Fest, zusammen mit Baruch Meister. Für ein paar Stunden vergaßen wir beinahe unsere trau­rige Lage noch einmal. Die Posten hinderten uns nicht, sie zuckten die Achseln und dachten lassen wir den Narren die Freude, sie gehen ja doch bald vor die Hunde.

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