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Unter dem gelben Stern : ein Tatsachenbericht aus der Zeit von 1933 bis 1945 / von Abraham Hochhäuser
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konnten wir die Liebe und Sorge von Mitmenschen lesen, die uns ein lang entbehrtes Gefühl, das Mitgefühl nämlich mit unserem Schicksal, spüren ließen. Nach dem, was wir beobachten konnten, wurden sie nicht ganz so schlecht wie wir behandelt. Dennoch habe ich bis heute keines von diesen Mädchen aus dem Lager Tarnowitz wiedergefunden, obwohl ich auf der hoffnungslosen Suche nach meinen Angehörigen mit vielen jüdischen Menschen, die in den Lagern gewesen sind, zusammengetroffen bin.

Angeklagt wegen Sabotage

Eines Tages stand ich als Angeklagter wegen Sabotage vor Ober- wachtmeister Piffke, einem Breslauer, dem solche Gelegenheiten anschei- nend recht kamen, seine Brutalität ungehemmt auszutoben.Sie haben die Leute bei der Arbeit aufgewiegelt, brüllte er mir zu, als ich ihm vorgeführt wurde. Im gleichen Augenblick, in dem ich Anstalten machte, mich zu verteidigen, hatte ich seine harten Fäuste im Gesicht und sank wenig später, ohne selber ein Wort sagen zu können, zu Boden. Die Bei- sitzer dieses merkwürdigen Gerichtshofes halfen ihrem Anführer mit schweren Knlüüppeln. Damit ich bei Bewußtsein blieb und von diesem so rasch gefällten und vollstreckten Urteil genügend Gewinn hatte, übergoß man mich zeitweise mit einem Kübel kalten Wassers. Nach diesem Ver- hör wurde ich wieder fortgeschickt, und ich schleppte mich, so gut es eben ging, in meine Baracke zurück.

Außer diesem Delikt derSabotage gab es noch genügend! andere Gelegenheiten für das Wachpersonal,Bestrafungen an den Arbeitern vorzunehmen. Mitunter kam es vor, daß sich einzelne Arbeiter nachts aus der Baracke fortschlichen, um im Kartoffelkeller einzubrechen und ihren Hunger an den rohen, ungeschälten Erdäpfeln zu stillen. Meist wurden diese Verzweifelten, die es vor Hunger einfach nicht mehr aus- gehalten hatten, jedoch ertappt, und dann: brach wieder ein unmenschlich hartes Strafgericht, das mit der Größe des Vergehens in keiner Beziehung stand, über die Unglücklichen los. Meist mußten dieEinbrecher ihre Tat mit dem Leben bezahlen.

Bestrafunggen erfolgten jedoch nicht nur vom Wachpersonal aus. Wir hatten im Lager auch einen Judenältesten, der die Interessen der Juden der Lagerleitung gegenüber zu vertreten hatte. Wenn der Juden- älteste aber, beim Versuch irgendetwas für uns zu erreichen oder aus anderen Gründen von der Lagerführung eine Tracht Prügel an Stelle einer Zusage bezogen hatte, gab er diese, nachdem er wieder zu Bewußt- sein gekommen war, später an seine Schutzbefohlenen weiter. Dieses Führerprinzip zog sich bis in die untersten Stellungen. Hatte der Stu-

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